Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 2.1822

Seite: 29
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lieber Kultur. Die Natur des Flusses, der das in viele
Arme und Kanäle getheilte und mit starken Dämmen verse-
hene Land durchzieht, und durch seine periodischen Über-
schwemmungen befruchtet, die mancherlei, andern Gegenden
fremde, Erzeugnisse, der fast nie bewölkte Himmel, der
Gegensatz des bebauten Nilthales mit den Sand - und Fcl-
senwüsten, die es weit umher begränzen, füllte ihr Gcmüth
mit Erstaunen. Aber mehr als die Naturerscheinungen, be-
wunderten sie den Kunstfleiß der Einwohner, ihre Erfindun-
gen, ihre bürgerlichen Einrichtungen, ihr i» so vielen Fä-
chern weit fortgeschrittenes Wissen und die Größe, Pracht,
Dauer und Menge ihrer Kunstdenkmale.

Für unfern Zweck ist cs hier genug zu wissen, daß
viele Jahrhunderte, che die Griechen sich mit der Kunst be-
schäftigten, die Aegypker sie bereits in allen Zweigen trie-
ben, und daß es kein Material und keine Technik gab, worin
sie nicht bereits Meister waren.

Eine Hauptepoche in der Geschichte Aegyptens bezeich-
net die Regierung des Sesostris ungefähr igoa Jahre vor
unserer Zeitrechnung, und etwa 85v Jahre vor Psammeti-
chus, in dessen Zeitalter die Kultur der Griechen begann.
Aber schon lange vor Sesostris hatte Aegypten große Werke
der Kunst, und seine Regierung bestimmt nur einen der
glanzenden Zeitpunkte. Er war bereits einer der Könige des
Mittlern oder memphitischen Aegyptens, und die Kultur ver-
breitete sich von Obcrägypten — von Philä und Thcbä
abwärts nach dem Delta und den sieben Ausflüssen in das
Mittelmeer. Die Tempel und Grabdenkmäler der vbcrn
Gegenden waren damals schon lange vorhanden, so wie
auch der See Mveris. Sesostris und seine Nachfolger bis
auf Cambyseö setzten die Arbeiten ihrer großen Vorgänger
nur fort, und so wie das obere, wurde auch das untere
Aegypten, Memphis, Heliopolis, Sais und so viele an-
dere Plätze, Sammelorte großer Denkmale. Die pracht-
vollsten Tempel und Propyläen, Pyramiden und Felsengrä-
ber, Obelisken und colossale Bildsäulen stritten sich um den
Anspruch an Bewunderung. In das Alter der zwölf Könige
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