Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 2.1822

Seite: 38
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§. 6. Wir kommen zur zweiten Frage: „Hat sich die
Kunst zu den Griechen wirklich verpflanzt? von welchen
Völkern, und auf welchem Wege?" —

Zuerst wollen wir von dem Verkehr jener Völker mit
den Griechen überhaupt sprechen, dann ins besondere von
der Kunst. Wir können aber im Voraus zwei der vier be-
sprochenen Völker dreist von dieser Untersuchung abschneiden,
nämlich die Israeliten und die Babylonier; denn als Völker
des Inlandes wurden sie den Griechen nur spat bekannt, und
zweitens war ihre Kultur auch selbst nur entlehnt.

Desto wichtiger ist der Verkehr der Griechen mit den
Aegyptcrn und den Phöniziern. Wir haben in solcher Be-
ziehung zwei Epochen vor uns; die erste, die wir die my-
thische nennen wollen, und daun die Historische von Psam-
mctichus an.

In dem mythischen Zeiträume bis hoch hinauf sind die
Spuren von Verkehr nicht unbedeutend, aber dabei nicht
so anhaltend und regsam, um den Griechen nebst anderm
auch wissenschaftliche und Kunstkultur zu geben. Aber im
zweiten Zeiträume von Psammetichus an wird der Verkehr
so anhaltend und lebendig, daß auch gar bald der bedeu-
tendste Einfluß auf die höhere Kultur der Griechen verspürt
wird.

Schon in der früheren mythischen Zeit erscheinen ägyp-
tische und phönizische Kolonisten in Griechenland. Athen
betrachtet den Cecrops, Argos den Danaus, und Theba
den Cadmus, als die ersten, welche die Civilisation in sol-
chen Gegenden einführten. Fast eben so früh ließ sich eine
Kolonie Phönizier in der Insel Thasos nieder, um die dor-
tigen Bergwerke zu bearbeiten (Herod. 2, 44.). — Diesen
Pflanzvölkern und ihren Nachkommen schreiben die Griechen
ihre ersten bürgerlichen und göttlichen Einrichtungen zu.
Athen erhielt seinen Areopag; die Töchter des Danaus un-
terrichteten die Frauen der Pclasger in den geheimen Weihen
der ägyptischen Ceres, die sich noch spät bei den Arkadern
erhielten (Herod. 2, 171.). Selbst das älteste Orakel der
Gkicchen zu Dodona dankte seine Entstehung ägyptischen
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