Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 2.1822

Seite: 42
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Dichter den Namen der Griechen verherrlichten, so schrei-
tet jetzt die Kunst ein, um in der Folge auch hierin alles
zu überstrahlen, was Vor - und Nachwelt hervorbrachte.
Alle Stoffe undledeArt de Technik, welche die Acgypter hatten,
kommen zum Vorschein. Es werden nicht bloß Holzschnitz-
werke, und plastische Arbeiten ausgestellt, sondern auch
Bilder in Marmor, in Elfenbein, in Gold und in Erz, und
diese nicht bloß mit dem Hammer getrieben, sondern auch
gegossen. Man schneidet Gemmen zu Siegelringen, und
Stempel zum Ausprägen der Münzen. Die drei größten
Tempelgebäude bei den Griechen, das Olympium zu Athen,
das Heräum zu Samos, und das Artemisium zu Ephesus
sind Werke, die noch an die Ansangsepoche der griechischen
Kunst grenzen. Wie wird das Volk enden, das so beginnt! —

Wenn aber die frühere Kunstkultur der Griechen gerade
in den Zeitraum fallt, wo ihnen Aegypten zum freien Ver-
kehr geöffnet wird; so fragt es sich nun: Ob diese Einigung
in der Zeit bloß als Sache des Zufalls zuI betrachten sey,
oder das eine auf das andere einwirktc? —

Winkclmann und mit ihm spatere Forscher zweifeln, daß
die Griechen irgend etwas in den Künsten von den Aegyptern
erlernten. Aber hatte cs solchen Forschern beliebt, die hierzu
gehörigen Thatsachen auszuheben und dann das Gleichzeitige
einander gegenüber zu stellen; so würden sie wohl andere Er-
gebnisse gefunden haben.

Wenn die Kunst bloß von der Seite des Materialen und
des Technischen betrachtet wird, ergiebt sich die Einsicht leicht,
daß es nicht in dem natürlichen Gange der Dinge liegt, daß
ein Volk in einem so beschrankten Zeiträume so viele schwie-
rige Erfindungen, die nur nach langer Uebung und vielen
Erfahrungen sich ergeben können, gemacht haben könnte. —
Und dann warum erfinden wollen, wenn man nur um sich
her zu sehen brauchet, um das kennen zu lernen, was man
so ängstlich suchet? — Die Griechen sahen in Aegypten
nicht bloß die großen Werke der Vorzeit, sondern sie waren
auch tägliche Zuschauer von nicht minder prachtvollen und
großen Arbeiten, die vor ihren Augen eben ausgeführt wur-
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