Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 2.1822

Seite: 48
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ging nicht weiter als auf das Nothdärftige in der Darstellung.
-Auf die Bezeichnung des Individuellen in den Formen ließ
sich die ägyptische Kunst eben so wenig ein, als auf die An-
deutung des Physiognomischen in der Gesichtsbildung. Glück-
licher stellen sich manchmal die ägyptischen Kunstwerke dar in
Rücksicht der Handlung und Geberdung, selbst im Kühnen,
und Zarten. Drittens hatten die Aegypter schon eine Art
Verhaltnißlehrc von dem Baue des menschlichen'Körpers; doch
scheint diese Lehre mehr eine Art Nothbehelf gewesen zu scyn,
als eine Regel des Schönen, wie in der Folge für die Grie-
chen der Canon des Polycletus. Indessen war schon viel
gewonnen, den Körperbau nach allen seinen Theilen in ein
gewisses Verhältnißmaaß gebracht zu sehen. Dies gab die
Grundlage zum weitern Nachdenken, und zu einer größer»
Verfeinerung. Zugleich fanden die Griechen die Darstellung
des Nackten vor, welches auszubiidcn ihnen dann um so
leichter ward, da sie in ihren Gymnasien und Stadien die
vortrefflichsten Schulen vor sich hatten.

In der Mahlerei konnten die Griechen von den Aegyptcrn
nichts erlernen, als die Kcnutniß des Farbenmaterials.
Denn die Mahlerei war nur ein farbiger Anstrich, ohne irgend
eine Angabe von Licht und Schatten: und wie uns noch
Ucberreste belehren, war dies auch der Fall bei den früher»
Werken der Altgricchen und Tyrrhener.

Die Kunst der Aegypter begnügte sich, die Gegenstände
für den Verstand zu bezeichnen. Nur selten war dem Künst-
ler vergönnt, von der Lebendigkeit seiner Phantasie Gebrauch
zu machen, und mit stärker bewegten Vorstellungen hervorzu-
trcteu. *)

*) Dies ist doch manchmal geschehen, wie aus mehrern Blättern
des franZostsche» Prachtweikes i Description de l’ß^ypte hervorgeht

Schlach»e>i zu Wasser und zu Land — nur Schiss, Roß und Wagen_

Erstürmungen, Triumvdzüge, Jagden — sind in einzelnen Figuren
und Gruppen mit einem Fener entworfen, wovon man früher keine
Ahnung harte, und das allerdings für eine hohe Regsamkeit des
ägyptischen Kunstgeistcö spricht. Einiges ist so glücklich und großartig
ersonnen, daß es neben jedem ausrrcrcn kann, was die Kunst je Vor-
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