Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 2.1822

Seite: 58
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zischen Mädchen gefördert wurden. — Alles, was von
Kunst bei Homer vorkommt, ist entweder göttlichen oder
fremden Herkommens. Von den Griechen weiß er nichts zu
erzählen. —

§. 7. Auffallend ist in Homer die Armuth der Kunst-
sprache. Vom Zeichnen, Mahlen, Formen in Thon, Schniz-
zen in Holz, Arbeiten in Stein, kurz von Allem, was zu
den Elementen der verschiedenen Kunstzweige, und zu der
allmahligcn Behandlungsweise und Handhabung der Kunst
gehört, beobachtet er ein tiefes Stillschweigen. Die Worte:
Statue, Bild, Relief, u. s. w. kommen bei ihm nicht vor.
Seine Ausdrücke beschränken sich auf die Worte: künstlich,
vielfarbig, blumig, Zierde (dyakjioi).

Anstatt z. B. zu sagen: die goldenen Statuen der fackel-
tragenden Jünglinge, sagt er: die goldenen Jünglinge gera-
dezu, so daß man fast verlegen wird, ob er auch von Kunst-
werken reden wolle, denn er legt das Beiwort golden auch
lebenden Gegenständen zu, wie die goldene Aphrodite, wo
golden natürlich nur so viel als schön bedeutet. Eben so
laßt der Dichter den Leser ungewiß, ob die Kunstzierden auf
dem Schilde des Achilles und andere Bildwerke dieser Art,
erhabene oder eingelegte Arbeiten waren. Alles dies weiset
auf eine mangelhafte Kunstsprache hin, welche bei Homer
nur daher kommen konnte, weil es ihm an Gelegenheit ge-
brach , sich mit dem Technischen der Künste genauer bekannt
zu machen.

§. 8« Es liegt in der Natur, und es ist durch die Ge-
schichte aller Völker bewährt, daß die ersten Zierden und
Kunstgebilde, die der Mensch macht, den Gottesdienst zum
Zweck haben. Sollten die Griechen im Zeitalter Homer's
eine Ausnahme hievon machen? — Denn wen befremdet
es nicht, daß der Dichter keine Nachrichten von Tempelbauen
und Götterbildern giebt? Es beschränkt sich alles auf Altäre,
heilige Baume, und Opfcrgebräuchc ohne ein bestimmtes Lo-
kale, und wenn da und dort auch eines Tempels gedacht
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