Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 2.1822

Seite: 60
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trug noch die Spuren der rohsten Technik an sich (Paus. 5,
2- und 3. 17.).

Wenn aber Homer nirgendwo vom Zeichnen und Mahlen,
von Plastik und Holzschnitzkunst spricht, wenn von eigentli-
chen Gotterstatucn und Penaten, von Tempeln und kunstreichen
Weihgeschenken so viel als nicht die Rede ist; wenn er keinen
griechischen Künstler zu nennen weiß, und seine Sprache noch
die höchste Dürftigkeit in Allem, was zur Unterscheidung der
Kunstarten, und der Technik gehört, vcrrath; — wenn
endlich alle Bildwerke in Metall und in Stein, welche
andere Schriftsteller als die ältesten angeben, erst mehrere
Jahrhunderte nach Homer gemacht sind; so laßt sich wohl
nicht langer in Zweifel ziehen, daß die Griechen nicht die
Verfertiger der Kunstarbeiten scyn konnten, deren Homer
in seinen Gedichten gedenkt, sondern daß er die Ideen
zu seinen Beschreibungen nothwcndig aus den Kunstarbci-
rcn fremder Völker geschöpft haben mußte.

§. 9. Zu den Ländern, aus denen schöne Kunstar-
beiten zu den Griechen kommen, zählt Homer Aegypten,
Phönizicn und Cyprus. Zwar sind auch die Phäaken reich,
und das Haus des Alkinous prangt mit Kunstwerken.
Aber Schcria erscheint bei Homer mehr als ein Fcenland,
als ein wirkliches, und schwer läßt sich sagen, zu welchem
Völkerstamm die Phäaken gehörten. Uebrigcns werden
die Kunstwerke allda auch als Arbeiten Vulkan's angege-
ben, und cs scheint nicht, daß sic selbst einen Kunstbe-
trieb gehabt haben.

Die Bekanntschaft, und ein gewisser Verkehr der
Griechen im Homerischen Zeitalter mit Aegypten, Phöni-
zien und Cyprus, welche Insel schon früher mit Phönizi-
schen Kolonisten besetzt war, erhellet aus mehrern Stellen.
Thebä wird seiner Pracht und Größe wegen über alle
Städte gerühmt (H. 9, 381.); doch wird Memphis nicht
genannt, obwohl es den Griechen näher lag, und schon
seit Jahrhunderten der Königssitz von Aegypten war. Aus
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