Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 2.1822

Seite: 176
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so überzeugendem Scharfsinn ausgesprochene Vermuthung, *)
daß der vorgebliche Coloß des Memnon erst durch die Iongle-
rien und Gaukelkünste der Priester, die dadurch ihr gesunkenes
Ansehen wieder aufrichten wollten, eine Stimme bekommen
habe, als im Zeitalter Augusts römischer Unglaube und
Aberglaube die schon damals zertrümmerte Herrlichkeit
Obe.ägyptens besuchte. Eine wundersüchtige Welt wollte
getäuscht, eine spöttisch-zweifelnde und ungläubige bekehrt
seyn. Doch gab es gewiß auch mehr als einen unbefan-
genen Forscher, der, wie der scharfsinnig beobachtende
Strabo im Gefolge des zum Krieg gegen die Araber ab-
gesandten Aclius Gallus, das ganze Gaukelsprel durch-
schau ete-

Jndcß verändert dieß, die Sache aus dem wahren Ge-
sichtspunkt angefehn, die allegorische Deutung f wie sie
Creuzer entwickelt, nur wenig. Denn wie hätten denn
ägyptische Priester zur Römcrzeit gerade an diese Mcmnvn-
colosse eine so wunderbare Begrüßung des ersten Morgen-
strahls der Sonne knüpfen können, wenn nicht Memnon mit
dem Horus oder dem eigentlichen Sonnengott **) in uralter
Verbindung gestanden hätte, und also selbst ein bichtgeist
gewesen wäre? Aber immer ist cs ein menschlicher, die

*) In der Vorlesung über die Gräber des Memnon und
die Inschriften auf der Bildsäule desselben im n. Bd.
der neuen Denkschriften der Münchner Akademie der
Wissenschaften S. 28 - 33. Die Stelle des Strabo, die weit
mehr wiegt, als alles was -pausanias, Philvstratus, Lucian u. s. w.
davon berichten, ist XVH. p. 1170. D. oder T. in. p. 272. der wahr-
haft kritischen Ausgabe von Korai.

Man muß annehmen, daß die alt-ägyptische Götterlchre gar
keinen wahren Helios hatte (so wie ihn der Grieche per'svnifizirre),
weswegen die von Hirt neuerlich gegebene Ansicht aber die Bildung
der ägyptischen Gottheiten S. 17 ff. Wohl manche sehr beschränkende
Bestimmung erleiven dürfte. Allein Horus ist die Sonne in ihrer
höchsten Kraft in der Sommersonnenwende, und also dem Helios-
Apollo der Griechen noch am meisten entsprechend.
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