Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 2.1822

Seite: 206
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II.

lieber die Pallasstatuen

im Dresdener Antiken - Museum.

Eine der bewundernswürdigsten Statuen der Antiken-
sammlung zu Dresden, und gewiß eines der schönsten
Denkmäler der alrcn Kunst überhaupt, ist die colossale
Minerva aus weißem Marmor im vierten Zimmer. In
B c ck e r' s Augusteum findet sie sich auf der XIV. Ta-
fel abgebildet; sehr treu, bis auf den Ausdruck des
Gesichts, welcher nicht streng genug gegeben ist. Doch
muß man bedauern, daß der Künstler gerade die am
wenigsten vortheilhafte Ansicht gewählt hat. Wer den
Kupferstich betrachtet, wird die Figur schwerfällig, und
die Stellung fast unangenehm finden. Die Statue zeigt
sich aber, von dem gewählten Standpunkt aus gesehen,
genau so. Das Unangenehme der Stellung rührt zum
Thcil von dem für diese Ansicht nicht günstigen Wurf
der breiten, senkrechten, tief gearbeiteten Falten des lan-
gen Gewandes her; das Schwerfällige aber entsteht aus
dem Verhältnisse der Brust und des Oberleibes zu den
Beinen. Brust und Schultern sind sehr breit gehalten;
der übrige Theil des Leibes, die schmaleren Hüften, wie
sic der männlichen Jungfrau eignen, stehen dazu im rich-
tigen Verhältniß. Dagegen ist die Länge der Schenkel
und der Beine vom Knie bis an die Knöchel offenbar zu
klein, und mag wohl eine halbe Kopflänge weniger betra-
gen, als Oberleib und Haupt.

Diese scheinbaren Mangel werden um so mißfälliger,
da man eine Erhabenheit des Gedankens und eine Groß-
artigkeit der Ausführung in der Statue findet, welche
nur dem hohen Styl der griechischen Kunst angehört.
Sonach scheint es natürlich, eine dieser Anordnung zum
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