Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 2.1822

Seite: 207
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Grund liegende besondere Absicht des Meisters zu vermu-
then, die sich denn auch bei weiterer Betrachtung deutlich
ergiebt. Von der andern Seite nehmlich, wo das volle
Gesicht dem Bejchauer entgegensieht, stellt sich die Figur
im höchsten Grade vortheilhafr dar, und die Kürze der
untern Halste verschwindet vollends, wenn man (am linken
Pfosten des Eingangs in das fünfte Zimmer) den mög-
lichst niedrigen Standpunkt für das Auge zu gewinnen
sucht. — Der treffliche Meister hatte das Bild für

einen hohen Standpunkt berechnet, und so gestellt, daß
das nach der rechten Seite gesenkte Antlitz dem Schauen-
den ganz von vorn erscheinen, und das linke etwas ge-
bogene Bein zurücktreten sollte. Durch die Verkürzung
von unten nach oben zeigen sich die oberen Theilc kleiner,
und die unteren in ihrem richtigen Maaße. So erblickt
man die Figur in den schönsten Verhältnissen, umgeben
vom einfachsten, großartigsten und doch reichen Gewands
Wurf, in höchst ruhiger Stellung und voll wahrhafter
Majestät. Man kann nicht umhin, sich die hehre Göttin
im Hciligthum eines Tempels auf erhabener Stelle zu
denken, voll milden Ernstes herabschauend auf die opfernde
Menge. —- Und könnte nicht Phidias s o die Jungfrau

des Parthenon, die Schutzgöttin Athens gebildet haben?

Es herrscht, so bemerkt Becker, der große Narurstyl
des Phidias in dieser Statue; eine Aeußerung, welche
durch die später bekannt gewordenen Elgin'schen Monu-
mente vollkommen bestätigt worden. Zierlichkeit ist weder
in den Formen des Körpers, noch in den Gewändern zu
finden, aber Macht und Ehrfurcht gebietende Festigkeit
spricht sich lebendig darin aus.

Die Genialität der Erfindung wird aber erst recht
deutlich und interessant, wenn man die merkwürdige Pal-
las von älterem griechischen Styl vergleicht, welche im
dritten Zimmer steht. *) Hier zeigt sich im Faltenwurf
noch das Enge, Gerade, Steife der altgriechischen Kunst,

■*) Augusteum, Taf. IX:
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