Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 2.1822

Seite: 212
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ein Schild von so dünnem Leder, wie sich das <m der
Aegis durch die Falten unter dem Gürtel crweißt, kaum
anwendbar zu denken ist, scheint auch die Form nicht
wohl zu solchem Gebrauche zu passen. Es ist hier die
offenbare Achnlichkeit mit den rorhgcfärbten trvddelbehan-
genen Ziegenfellen, womit sich die libyschen Jungfrauen,
Dienerinnen der Minerva, bekleideten. *) Regelmäßig
zur Bewaffnung angelegt, würde diese Aegis die ganze
Brust und beide Schultern völlig bedecken. Dann käme
jedoch das Gorgonenhaupt auf derselben, welches jetzt un-
ter der linken Brust steht, weiter zurück auf die Schul-
ter. Der Künstler scheint dessen Stelle willkührlich bloß
nach Maaßgabe des schönen Effects bestimmt zu haben;
es ist rundlich, beinah wie der Kopf eines Kindes, mit
herabgezogenen Mundwinkeln, die Haare gescheitelt und
auswärts gesträubt, ohne Schlangen.

Die vordere Hälfte des linken Armes, welcher den
Speer hält, ist modern, doch war wohl die Bewegung
des ursprünglichen ziemlich dieselbe. Der rechte Arm,
welcher ganz neu eingesetzt ist, dürfte sich vielleicht gleich
oben an der Schulter erwas mehr rückwärts bewegt und
so entweder gerade abwärts, das auf dem Boden stehende
Schild gehalten, oder gebogen auf vorgestrccktcr Hand die
Victoria getragen haben.

Auch der Kopf ist aufgesetzt und das Gesicht überar-
beitet; doch findet sich kein Merkmal, daß er nicht zur
Statue gehört haben sollte. Neu sind Helm, Nase und
Oberlippe. Trotz der Ueberarbeitung hat das edle Gesicht
noch ganz die Züge und den Ausdruck der ernsten Jung-
frau, und vollendet durch seine schöne Beugung nach der
Rechten das hehre Bild, welches eben so sehr durch gött-
liche Majestät, wie durch das Ungezwungene und Natürliche
der Anlage den Beschauer fesselt. Einen unbeschreiblich
feierlichen Eindruck macht die Figur bei Fackclbeleuchtung,
und es möchte wenigstens dem erhabenen Phidias kein

) Herodot, 17. 189.
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