Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 2.1822

Seite: 280
DOI Heft: 10.11588/diglit.9752.20
DOI Artikel: 10.11588/diglit.9752.21
DOI Seite: 10.11588/diglit.9752#0320
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/amalthea1822/0320
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
280

delt wird. Wir kommen auf die andern Figuren: der mit
den großen Flügeln in der Höhe sich haltende Genius scheint
hier auch seine Rolle zu haben. Er vertritt die Stelle jenes
Cupido, der die Sinne bezaubert, indem er die Phantasie
zum Genüsse der Liebe entflammt. Genien dieser Art erschei-
nen zwar sehr oft auf Vascnzeichnungen in ganz verschiednen
Vorstellungen, so daß es schwer wird, ihnen eine bestimmte
Deutung anzueignen. Sic krönen die Ueberwinder in den
verschiedenen gymni scheu Spielen, sie dienen in den Badern,
sie sind bei Hochzeiten, Tischgclagcn, und fast bei allen Lie-
bcsangclcgcnheitcn gegenwärtig; sie vermitteln; sie sind die
Nothhülfe der Künstler, den inner» Sinn ihrer Vorstellun-
gen mehr anschaulich zu machen. Hier ist sein Dienst nicht
zweifelhaft: er sacht die Flamme zwischen dem Gott und
der Königstochter an.

Weniger deutlich ist die hinter Neptun stehende Figür.
Das große Zepter in ihrem Arme läßt indessen leicht auf eine
der Obergöttinnen rachen. Aber welche! — Juno, als
Schutzgöttin des Reiches, mußte besondern Antheil nehmen,
daß ihr Bruder sich wieder versöhne; und mag also leicht,
gleichsam als Pronuba, ins Spiel treten.

Noch ist die sechste jugendliche Mannsfigur übrig, über
welche in Hinsicht des Charactcrs kein Zweifel seyn kann.
Die spitzen Ohren, wie die Bekränzung mit Ephcu kündigen,
ihn gleichfalls als einen jugendlichen Gebirgs - und Wald-
dämon an. Aber schwerer laßt sich der Zweck seiner Gegen-
wart hier begreifen; da die Erzählungen nicht von mehrern,
sondern bloß von Einem Satyr sprechen. Hatten wir noch
das Schauspiel des Acschylus, das er von der Amymone
schrieb, würden wir vielleicht über das Ganze der hier
gegebenen Darstellung mehr im Klaren seyn. Ich hege
nehmlich die Vermurhung, daß das Stück des Aeschylus ein
prama satyricum seyn mochte, und daß der Dichter bei
dieser Gelegenheit ganze Chöre von Waldgöttern einführte.*)

*) Schon vor Jahren fiel mir ein, unfern kundigen Fr. Aug.
loading ...