Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 2.1822

Seite: 288
DOI Heft: 10.11588/diglit.9752.20
DOI Artikel: 10.11588/diglit.9752.22
DOI Seite: 10.11588/diglit.9752#0328
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/amalthea1822/0328
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
288

Tracht gekleideten Jungfrau bemerken. Aber wie kommt
die wasserschöpfende, durch doppelte Zudringlichkeit geäng-
stete Amymone hier zu so künstlichen Tanzgeberdungen? so
höre ich manchen Zweifler uns entgegnen. Die angemes-
senste Antwort scheint mir eben aus dem Zweck dieser Abbil-
dung hervorzugehn. Das Bild soll uns nicht die reine
Amymonenfabel, so wie sie in dem Gemälde zu schauen war,
was Philostratuö beschreibt, sondern das mimische Ballet
vor die Augen führen, wie die Fabel bei Gelegenheit der
Bacchusfeste und ihrer Weihen entweder von den Thiasoten
selbst oder auch von dazu gedungenen herumziehenden Gesell-
schaften (to?s Trepi rdy Aiovvcrov rexyiraig) vorgestellt
wurde. Matt denke an jenes Ballet Dionysos und Ariadne,
was der dem Dorischen Mimenwesen zugehörige, syracusa-
nische Impresario dort in Acnophons Symposium (Cap.
XI.) noch am Schluß zum besten giebt. Würden wir,
wenn sich ein Bild davon erhalten hatte, die wirkliche Ari-
adncfabcl oder nur die Art, wie sie dort vor den Gasten ge-
tanzt wurde, darin zu erblicken glauben? *)

Jetzt erst wird es auch begreiflich, wie die hinter dem
Neptun stehende Sceptcrbaltende Frau hierher komme. Die
Sache geht ja nicht am Lernaischcn Quell ohnweit Argos vor,

II- brachia, wie sie Ovid der alten Tanzkunst giebt, fast nur noch
bei de» Regeln der rheatralischen Action, wie sie von der bloß redne-
rischen unterschieden wird. S. die scharfsinnige Gegeneinandcrstellung
in dem schätzbaren Werke des Irländers Gilb. Anstin: Cliironomia
or a Treatise on rlietorical Delivery (London igo6. in 4.) chapt.
XII. p. Sn-ff.

*) Einen Seitenbcweis für unsere Erklärung möchte das eigene
Diadem (sreydn,) abgeben, womit diese Amymone den jungfräu-
lichen Dorischen Haaryuh (den nodus Lacaenae, s. VeNtleY ZU Ho-
raz 06. II, 11, 22.) eingefaßt tragt. Die daraus hervorgehenden
Zacken oder metallenen Blätter schienen uns nach langer Vascnbe-
schauung wirklich eine mystische Andeutung zu haben. Wie ließe
sich aber dieser Haarputz mit der eigenclichen Amymone, die als Hy-
drophoros den Wasserkrug doch nur ans dem Kopfe tragen konnte,
loading ...