Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 2.1822

Seite: 358
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Haar an der Stirn, vor dem Schleier, ist einfach geschei-
telt; an den Füßen trägt sie dicke, kothurnartige Sohlen.
Der Ausdruck ihres Gesichts ist ernste Hoheit und Maje-
stät. Die fast parallel zu den Füßen hinablaufenden grö-
ßeren und engem Falten mit ihren dunklen Vertiefungen,
die Behandlung des Peplus und Mantels, alles ist in
dem einfachen, großartigen Stil gearbeitet, der die Pe-
riode von Phidias und seiner nächsten Nachfolger bezeich-
net, ähnlich dem Stil des Reliefs am Parthenon zu Athen,
worin die athenischen Jungfrauen im Festaufzuge gebildet
sind, doch an den runden, ganz vollendeten Werken mit
noch größerer plastischer Wirkung. Nichts ist neu, als die
beiden Hände und Arme bis so weit sie nackt sind und
einige wenige kleine Einsätze in den Falten. Die Ober-
arme sind mit zugeknöpften Aermcln bedeckt. — Die Ab-
bildung, welche Cavaceppi (jn der Raccolta, Vol. I.
tav. 55.) davon gegeben hat, macht einen ziemlich an-
schaulichen Begriff von dem erhabenen Charakter des un-
vergleichlichen Werks. — Wie billig war auch diese Sta-
tue von den Französischen Kommissaricn zum Transport
nach Paris bestimmt; aber die Größe und Schwere des
Marmors legte glücklicherweise Schwierigkeiten in den Weg.
Und so gereichte dieser Umstand dem köstlichen Werke bei
der Gefahr, worin cs seine ausgezeichnete Schönheit und
Würde gebracht, zur Rettung, wie vormals bei einer ähn-
lichen Kunstplündcrung des berüchtigten und unersättlichen
Vcrres zu Enna in Sicilien, einer, vielleicht der unsrigen
nicht unähnlichen, Ceres und einem Triptolcm, welche vor
dem Tempel der Göttin standen. *)

3) Statue des Vertumnus, in natürlicher Größe,
von Marmor, im Flur des Marmvrhauseö bei Potsdam.
Vortrefflich erhalten, vielleicht die schönste Bildsäule die-

*) S. Cicero in Verrem IV. c. 49. Ilis -pulcliritudo periculo, cnn-
■plitudo saluti fuit, quod eorura demolitio atque asportatio per*
difticilis videbatur. —
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