Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 3.1825

Seite: 3
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Der Torso der RLchmondischen Venus.

(Hierzu der Kupferstich Taf. n.)

Die Bildhauerei beweist ihre hohe Kunst an der Darstellung '
des menschlichen Körpers, wenn sie die schöne Natur so
auszudrücken (ich will nicht sagen, nachzuahmen —
denn dieß entfernt uns schon von unserm Begriffe) versteht,
daß das Auge auf dem Kunstwerke wie auf dem lebenden
Urbilde haftet. In den unempfindlichen Stoff ist Regung
und Gefühl gebracht, der Stein ist unter dem Meisel des
Künstlers zu Fleisch geworden. Man denkt nur an einen
belebten und beseelten Gegenstand, und vergißt den Marmor.
Aber diese Eigenschaften stehen nur den trefflichsten Erzeug-
niffen der Kunst zu. Der feine Sinn des erfahrnen und
geschmackvollen Kunstkenners wird sie selbst bei Werken ver-
miffen, welche sonst allgemein bewundert werden. So habe
ich von einem trefflichen Künstler *) bei dem Laocoon die

*) Dieser Künstler war der berühmte Dannecker, den ich auf
meiner Reise im I. 1315 am iyten Jul. zu Stuttgart besuchte. Es
war bei der Betrachtung einiger Gipsabgüsse der ersten Meisterwerke,
welche Abgüsse sich in Dannecker's Hause befanden, aber dem dama-
ligen Kronprinzen, jetzigem König von Würtemberg, gehörten, daß
jene Bemerkung veranlaßt wurde. Mit unbeschreiblichem Entzücken
verweilte er bei dem Torso des Michel Angelo. »Sehen Sie ihn an,
rief er aus, es ist Fleisch — betrachten Sie ein anderes Bild, z. B.
den Laocoon, und Sie finden Marmor." Er kam dann zu einer all-
gemeinen Beurtheilung des letztgenannten Kunstwerkes, und bemerkte,
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