Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 3.1825

Seite: 16
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Zoll kleiner. Die mediceische Venus zeichnet sich durch das
herrliche Ebenmaß (Proportion), welches dabei in An-
wendung gebracht worden ist, besonders aus. Ich habe
an einem andern Orte davon, als dem Vorzüge der höchsten
Kunst, geredet. *) In dieser Rücksicht kann zwischen bei-
den Bildern kein hinlänglicher Vergleich angestellt werden,
da dem einen mehrere Theile fehlen, auf welchen das Eben-
maß hauptsächlich beruhet. Man kann also nicht über das
Verhältniß der Theile zum Ganzen, folglich auch nicht über die
Vollkommenheit der Gestalt urtheilen: und es muß demnach un-
entschieden bleiben, welches ursprünglich das schönste Bild war.

Der Torso gehörte zu einem stehenden Bilde, welches
in Ansehung der Stellung der mediceischen Venus ähnlich
war. Der Körper war auf das rechte Bein gestützt, wäh-
rend das linke, vermittelst einer sanften Biegung des Knies
ruhete, und bloß mit den Zehen den Boden berührte. Es
wird bei einer solchen Stellung erfordert, daß der Schwer-
punkt nach dem stützenden Beine hingebracht werde, wo-
durch eine Einbiegung des Körpers auf eben der Seite ent-
steht. Diese Neigung des Schwerpunktes bringt die entge-
gengesetzte (also hier die linke) Brust etwas in die Höhe.
Die Hüfte des stützenden und gestreckten Beines ist natürlich
höher als die Hüfte auf der andern Seite, wo das Bein
mit gebogenem Knie sich niedersenkt. Der Schenkel des
ruhenden Beines (also bei unserm Torso der linke Schenkel)
tritt, als eine Folge der Stellung, vor dem andern hervor.

Ich habe gesagt, daß der Torso in Ansehung der Stel-
lung der mediceischen Venus ähnlich war: jedoch ist dieser
Unterschied zu bemerken, daß bei der letztem das linke Bein
den Körper stützt, während das rechte mit gebogenem Knie
ruhet; die Lage der Theile ist also entgegengesetzt, die
Stellung selbst aber ist der andern völlig ähnlich. Der
Schwerpunkt, die Einbiegung der Seite und die erhöhere
Hüfte sind bei der mediceischen Venus links, die empor

*) Observations on Leonardo da Vincis picture of the last
Supper. Introduction p. IX.
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