Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 3.1825

Seite: 80
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sagen ,, daß in diesem Wechselwirken der geistigen Kräfte eine
Bedingniß von intellektueller Gewalt und Schnellkraft liegt,
wegen welcher man den weisesten Denker der alten Welt,
Sokrates, wohl mit Recht sagen ließ, daß ein vollkommener
Architekt, das heißt, ein solcher, welcher mit seiner Phanta-
sie über die Gesetze der Wissenschaft herrscht, etwas so selte-
nes sey, daß man nicht einen in Griechenland fände, wäh-
rend Techniker, deren Thun auf positivem Wissen und Kön-
nen allein beruhe, tausendweise um wenige Minen zu haben
seyen.

Aber wenn nun durch ein seltenes Zusammentreffen gei-
stiger Atome, das hohe Ziel einer vollkommenen architektoni-
schen Conception erreicht, wenn die Kunst befriediget würde,
dann tritt der Augenblick ein, wo die Wissenschaft allein zu
walten beginnt. Jetzt muß der Architekt, welcher bis dahin
alles aus seinem Inneren entwickelte, dieses ganz in die Au-
ßenwelt übertragen und tausende von Kräften zu seinen Zwek-
ken wirkend machen, indem er den Geist, welcher ihn selbst
beseelt, in positive Formen und Gesetze kleidet, und jedem
das Seinige davon zutheilt. So muß der Verstand der Aus-
führung Alle durchdringen, ohne daß es möglich wäre, ihnen
das Verständniß aufzuschließen.

Deßhalb nun war von jeher die Errichtung eines großen
Werkes der Architektur etwas an sich so Umfassendes, so
Schwieriges, und so viele Kenntnisse, Kräfte und Bestrebun-
gen in Anspruch nehmendes, daß man schon in den ältesten
Zeiten das Bedürfniß fühlte, die so nöthige Einheit des
Wirkens verschiedenartiger und mannigfaltiger Kräfte zu ei-
nem Zwecke, durch feste Vereine zu begründen, welche in
den Händen der Architekten zu mächtig wirkenden Werkzeu-
gen und Maschinen wurden, deren Handhabe und Triebrad
gleich zu finden war, und der leitenden Hand zu Gebote
stand. Deshalb legte man ins Innere dieser Vereine alles
das, was der Menschen wandelbaren Sinn und Leidenschaften
fesseln und beherrschen kann, indem man ihnen, so wie sie
aus Bestrebungen für religiöse Zwecke zuerst hervorgingen,
auch rein religiösen Charakter und Grundprincip gab, und
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