Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 3.1825

Seite: 137
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Ueber die sogenannten Karyatiden am Pandroseum
und über den Mißbrauch dieser Benennung.

Jedermann weiß, daß unter Lord Elgin's Kunstentführungen
aus der Burg von Athen auch die eine am besten erhaltene
Karyatide von den fünf, welche bis dahin den südlichen
Portikus des Pandroseum unterstützten, gewesen ist, und daß
sie mit allen übrigen Sculpturen aus Athen, deren Weg-
führung eben so gut eine Kunstrettung als ein Kunstraub
genannt werden kann, je nachdem man schottisch mit Hamil-
ton oder englisch mit Byron darüber urtheilt, jetzt zu den
Kunstkleinodien des brittischen Museums gehören, aus wel-
chem uns eben jetzt wieder der treffliche Aufseher, D. Noeh-
den, den herrlichen Venussturz vorgeführt hat. Ob in
diesem Augenblick diese tausendjährige Repräsentation weib-
licher Duldungsfähigkeit — die Dulderinnen tragen seit
24 Jahrhunderten das Gebälke der Pandrososkapelle — über-
haupt noch stehe, ist beim Mangel hinlänglicher Nachrichten
über die neuesten Schicksale der Stadt und Burg schwer zu
bestimmen. Vielleicht haben diese C u r i 0 si t ä t e u — wie
sie der Türkische Schutzbrief bekanntlich nannte — ihre
eigene Unzerstörbarkeit gerettet.

Allein sehr auffallend ist der Widerspruch, in welchem
die zwei neuesten englischen Reisebeschreiber in Beziehung
auf die zurückgebliebenen Karyatiden stehen. Der schottische
Reisende Williams, *) der im Jahr 1813 Athens Denk- 1

1) Letter LXIII. Vol. II. p. 307 f. Der Titel des Werks ist:
Travels in Italy, Greece and the Ionian Islands, in a Series of
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