Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 3.1825

Seite: 141
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die Füße herabreichenden Gewände bekleidet sind." Nun
kommt die bekannte Fabel aus Vitruv von den spartani-
schen Frauen aus Karyä und ein heftiger Ausfall gegen
diesen lächerlichen Gebrauch, die zermalmende Last eines
marmornen Gebälkes durch den zarten Bau weiblicher Ge-
stalten tragen zu lassen, welche mit der Bemerkung endet:
„Die Neuern, eifrigst bemüht alle Vereinungen des Alter-
thums in ihre Gebäude aufzunehmen, sind auch diesem
Beispiel gefolgt. Wir sehen jetzt fortwährend Säulengänge
von zarten Frauengestalten, schlanken Indianern und öfters
— proh pudor! — von Engeln unterstützt." Jeder
Commentar zu so unreifen Geschwätz, wo sogar, was Zeit
und Barbarei gethan hat, die Verstümmelung der Arme,
für Kunstregel gilt, wäre völlig überflüssig. Aber der Mann
kann nicht einmal zählen. Denn er spricht ja von sechs
Karyatiden, wovon nur die Eine ausgewandert sei. Jn-
deß stehe hier noch folgende Nachricht, die gleich nach dem
obigen von unserm Reisenden angeführt und allen seinen eng-
lischen Lesern zur erbaulichen Beherzigung mitgetheilt wird.
„Als ich die Citadelle von Athen zum letzten mal besuchte,
verdroß es mich sehr, einen englischen Reisenden, einen
Officier vom Seedienst (dieß sagte seine Uniform) auf der
Base vor einer der Karyatiden stehen zu sehen, der mit
seinem linken Arme sich an der Statue hinaufarbeitete, wäh-
rend er mit der Rechten, die einen harten und großen Kiesel
hielt, sich alle Mühe gab, die einzige noch übrige Nase
von den sechs schön gearbeiteten Statum abzuschlagen. Ver-
geblich wendete ich alle Beredsamkeit an, um diesen Kunst-
raub zu retten?' Wer wollte nicht dem Herausgeber der
Gazette (n. 247), wo er diese Stelle mit ge-
rechtem Unwillen anführt, in der Aeußerung beipflichten,
daß ein harter und schwerer Kiesel an die Nase dieses
Barbaren geschleudert, der einzige hier passende Styl
von Beredsamkeit gewesen wäre?

Wir können hierbei nicht unerwähnt lassen, daß der
zuerst angeführte schottische Reisende, H. W. Williams,
gleich nach der oben excerpirten Stelle den Wunsch thut, daß
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