Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 3.1825

Seite: 142
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anstatt der plumpen Stütze, welche Lord Elgin's Agenten
da, wo die entführte Karyatide stand, untergeschoben ha-
ben , ein von Coade in London in Marmor gearbeitetes Fac
Simile, genau nach der Karyatide im brittischen Museum
gefertigt, nach Athen gebracht und damit die fehlende er-
gänzt werden möchte. Und was Williams nun wünscht,
hatte ja der edle, von allen Philhellenen in Deutschland
mit innigster Achtung zu nennende Lord Guilford, wie uns
der treffliche Dodwell versichert, G) wirklich schon ausge-
führt. Wir lesen in seiner Reise folgendes: ,?Der Graf
Guilford, von einer lobenswürdigen Anhänglichkeit an die
classischen Ueberreste auf den Akropolis getrieben, ließ eine
Statue von künstlichem Stein (artificial stone?) nach
einem Abguß von der Karyatide im brittischen Museum in
London verfertigen, und hat diese bereits nach Athen ge-
schickt, um dort das Urbild zu ersetzen. So wird die
schändliche Flickerei, die substituirte Säule, entfernt wer-
den. Möchte dasselbe mit den Säulen im Erechtheum ge-
schehen!"

Weil aber hier von den Karyatiden, die stets als Muster
der Vitruvischen Balkenträgerinnen galten, die Rede ist,
sei es erlaubt, die Verwunderung über zwei Jrrthümer aus-
zudrücken, die sich noch immer sowohl über den Namen
Karyatiden und dessen Ursprung, als über die Anwendung
dieses Namens auf die Iungfrauenstatuen im Pandroseum
unter uns fortpflanzen. Es ist fürs erste kaum zu begrei-
fen, daß seit Lessings Scharfsinn unter uns zuerst gegen
die bekannte Fabelei des Vitruvius über den Ursprung dieser
statt der Säulen zum Tragen des Gebälkes gebrauchten
athenischen Iungfrauengestalten gegründete Zweifel erhob,

6) Classical and topograpliical Tour through Greece, by
Ed. Dodwell. Vol. I. p. 354. Die Reise erschien 1819/ und wurde
von Dodwell iru Winter 1818-1819 in Rom redigirt. Da hatte
Lord Guilford also schon für diese Ehrenrettung gesorgt. Wie
mags nun aber jetzt dort aussehen?
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