Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 3.1825

Seite: 155
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in Lucians Schrift von der Orchestik scheint der Annahme
günstig, daß gerade dieser, der alten Ueberlieferung zu-
folge, von Kastor und Pollux selbst den Spartanern mit-
getheilte Tanz mehr cumeüsch, als pyrrhichistisch oder orgi-
astisch gewesen sei 6) Doch dieß sei hier nur als ein beschei-
dener Zweifel angeführt. Will man in dem Karyatidentanz
eine Tarantella, einen Bolero, oder, um in der Antike zu
bleiben, die Gelenksamkeit gaditanischer Mädchen haben:
so laßt sich in dieß heftige Baller noch immer eine figurirte
Attitüde denken, wie sie zu diesem Zweck paßt.

Wie aber kam Vitruv oder vielmehr der Grieche, den er
ausschrieb, zu der Legende von den geputzten Frauen und Mäd-
chen der lakonischen Stadt Karyä, die, weil ihre Stadt beim
Einfall des Xerxes es mit den Persern gehalten habe, nachdem
die Stadt selbst wegen ihres Verraths zerstört wurde, in ihren
schönsten Gewändern und Matronenschmucke, Sclavinnen-
dienste zu thun verurtheilt, und von den Künstlern noch als
Trägerinnen des Carnieses und Architraves in Marmor gebil-
det, also auf alle Zeiten dienstbar gemacht wurden? Es wur-
den zwei sehr ungleiche, aber doch in Einem Puncte zusam-
mentreffende Frauenfiguren, die attischen Canephoren und
die dorisch-lakonischen Kalathusträgerinnen aufs seltsamste
mit einander vermischt. Die Gestaltung der Figuren, von
welchen Vitruv spricht, ist die der attischen Jungfrauen,
wohin allein wegen der bis auf die Füße herabgehenden
Tunika die statuae muliebres stolatae puffen, so wie der
ganze ornatus matronalis, wie wir ihn an den Canepho-
ren im brittischen Museum sehen, auch dahin gehört; allein
der Name dazu wird aus Karyä in Lakonien geholt und ist
dorisch. Der Grieche, der diese Verwirrung zuerst ver-
schuldete, wollte zu den persischen Gebälketrägern in der 6

6) Aantbaifioviot — tzapd TIoT^vbEvriovs -rar Käsropos na-
pvariSsiv /xaäovTES — arravra fiETa. fiovGöov jtoiovGi de Salt.
c«p. 10. T. II. p. 27z. Wetst. wenige Zeilen weiter heißt dieß
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