Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 3.1825

Seite: 192
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Kein Opfer und keine Festprocefsion konnte ohne Flöten-
spiel verrichtet werden. Daher der große Bedarf und die
mannichfalrigen Arten von Pfeifen. (NB. Man sollte hier
immer nur von Pfeifen reden, denn die Benennung Flöte
führt doch nur zu falschen Vorstellungen, da im ganzen Alter-
thum schon um des allgemeinen Gebrauchs der zu gleicher Zeit
und mit Einem Munde geblasenen Doppelpfeife willen 5)
an irgend eine Queerpferfe nicht zu denken war, ob sie
gleich die Alten gut kannten.) Es ist bekannt, daß man
eigene Flöten hatte, die man punische (L’pomxia.) nannte.
Der gewöhnlichste Stoff, aus welchem die punische oder,
was hier gleichbedeutend ist, libysche Pfeife gemacht wurde,
war die Lotoostaude, weswegen das Wort Lotos selbst bei
den griechischen Tragikern oft in der Bedeutung einer Pfeife
vorkommt, und wenn von libyscher Pfeife (Aißvg avXog)
die Rede, nur die Lotospfeife zu verstehen ist. S. Span-
heim zu Callim. Bl. in Vinn. 244. x. 345. Bei der großen
Zahl von Antilopen in den nordafrikanischen Küstenländern
mußte man früh schon auf die Brauchbarkeit der dünnen
Fußröhren zu Blaseinstrumenten geleitet werden, und wer
weiß, ob nicht die Pickelflöte, womit die Phönizier den
Adonis, die Aegyptier den Osiris betrauerten, und die
unter der Benennung Gingrae oder Gingrinae Vorkommen,
aus solchen africanifchen Antilopen oder Gazellenknochen
gefertigt worden sind. 6) Warum sollte man nun nicht

Z) Die testen Collectaneen giebt schon der jüngere Caspar
Bartholin im ganzen zweiten Buch seiner antiquarischen Schrift:
de tibiis veterum et earum usu, die er in Rom ausarbertete
und demselben Cardinal Chigi zueignete (Romae 1677.)/ besten Al-
terthumsliebe Dresden sein Antikenmuseum verdankt. Die Rivalikat
des Flöten - und CitherspielS, die mit den Religions- und Cultur-
begriffen des classischen, wie des asiatisch-ägyptischen Alterthums
so genau zusammenhangt, verdient als Preisfrage bei einer Akade-
mie behandelt zu werden. Schöne Winke dazu gab Creuzer in
mehreren Stellen seiner Symbolik.

6) In Solin's Polyhistor, c. 5. heißen sie gingrinae. Schon
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