Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 3.1825

Seite: 349
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Es kann nichts kindischer gedacht werden, als was fast
alle Erklärer bis auf den neuesten herab annehmen, daß
der erboßte Dichter auf die unschuldige Wand losschlage.
Ist es denn so ungereimt, daß der auf seinem Studirbett
die Eingebung der Muse, die spröde thut und nicht er-
scheinen will, vergeblich erwartende Dichterling, den Horaz
mit seiner bekannten Ironie in seiner eignen Person mystifi-
cirt, allerlei Anfänge und Versuche an die Wand schreibt,
an welcher sein Sopha oder Studirbette angesetzt ist, und
indem er so halbe und ganze Verse an - und übereinander
schreibt, oder wieder auslöscht, die ganze Wand damit an-
füllt, belastet, so daß dieß eben den Ausdruck paries
laborat erst recht aufklärt. Das ganze Mißverständniß
ist daraus entstanden, daß man sich die alte Lebens - und
Studirweise nicht deutlich genug vorstetten konnte.

dieß doch nicht die allgemeine Sitte aus, daß Dichter bei Tag oder
bei Nacht in ihrem Studirbette (denn darauf liegend, in lectulo
lucubratorio, das scrinium mit der Rolle zur Seite, komponirten
ge, commentabantur. S. Plinius V, Epist. 5. und die alles er-
schöpfenden Anmerkungen des Casaubonus bei Suetons Aug. c. 7Z.
p. 406. Burm.') mit einem Röthelstift oder was sonst zur Seite war,
ihre Verse anschrieben, verbesserten, feilten. So hat schon der ge-
lehrte Mazocchi ad tabb. Heracleenses p. 310. diese Stelle er-
läutert. Der einzige wichtige Einwurf, der dieser Erklärung ge-
macht werden kann, könnte aus der Stelle des Persius I, 106., wo
er von einer Säule sagt: nec -pluteum caedit, nec demorsos sapit
ungues hergenommen werden. Denn da, wie bekannt, der pluteus
die aus Holz bestehende Queerwand war, welche die lange Hinter-
seite des Bettsophas schirmte; so ist allerdings daraus bewiesen, daß
der in der Begeisterung, wie sie Huintilian so beredt schildert,
jactare manus, latus objurgare (sich an die Hüfte schlagen) X, 3,
21. der in estro, wie sie der Italiener nennt, begriffene Dichter
auch um sich herum, auch noch auf die Dueerwand des Studirbettes
schlug (vgl. Geßner im Thesauro s. v. pluteus~); allein von die-
ser wahren Begeisterung, die Persius schildert, ist ja bei unserm Dich-
terling nicht die Rede. Der macht die Wand zu seiner Schreibtafel!
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