Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 3.1825

Seite: 390
DOI Heft: 10.11588/diglit.9753.20
DOI Artikel: 10.11588/diglit.9753.25
DOI Seite: 10.11588/diglit.9753#0447
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/amalthea1825/0447
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
Unter den Entwürfen, welche Lord Byron's allgemein
betrauerter Tod vielleicht auf immer vernichtet hat, befand
sich nach der Aussage seiner Freunde auch der, einen colos-
salen Löwenkopf, den man vor 6 Jahren in Böotien ent-
deckte, aber aus Mangel an Mitteln fürs brittische Museum
zu gewinnen nicht vermochte, ausgraben, restauriren und
auf dem Punkt, wo das neue Amphictyonengericht der wie-
dergebornen Panhellenen seinen Sitz nehmen wird, aufstellen
zu lassen. Damit verhalt es sich eigentlich folgendermaßen:
Im Juni des Jahres 1318. machte ein englischer Reisender
von classifcher Bildung, I. Crawford, mit dreien seiner
Landsleute von dem Hause des Archonten Logotheti in Liba-
dien aus, einen Abstecher zu den Trümmern von Chäronea,
wo König Philipp einst der griechischen Selbstständigkeit und
Autonomie den Todesstreich beibrachte. Sie hatten schon
einige Tage mit Untersuchung der in jener Gegend in gro-
ßen Massen zerstreut umher liegenden Trümmern von Spring-
brunnen, eines Theaters, Bruchstücken von Gebälken und
Säulen zugebracht, und gedachten, neue Nachgrabungen zu
machen. Denn seitdem Bröndstedt, Cockerell und seine Ge-
fährten die große Entdeckung auf der Insel Aegina und in
Arcadien gemacht haben, will Jeder dort ergiebige Ausbeute
gewinnen. An einem Morgen, es war der dritte Juni, ka-
men sie über die vorliegende Hügelkette bis zu einer alten ge-
pflasterten Landstraße, ohngefähr 800 Schritte vom alten
Chäronea. Hier machten sie Halt, um einen zu Tage aus-
stehenden Marmorblock zu untersuchen, von dem sie bald
gewahrten, daß er zu einer weit größern Masse gehöre,
welche mit Erde überschüttet und mit Gestrüpp bedeckt war.
Man grub, schaufelte weg, entblößte das Verhüllte und
nun zeigte sich, daß hier ein colossaler Löwenkopf verschüttet
liege von einer grandiosen Arbeit. Von der Nase bis zur
Spitze des Schädels maß er 4 Fuß 6 Zoll, und von der
Stirn bis zum Bruch an der Schulter 5 Fuß 9 Zoll. Ein
Bruchstück des Hinterfußes 2 Fuß 3 Zoll im Durchmesser
fand sich in einer kleinen Entfernung davon. Auch entdeck-
ten sie bald noch mehrere Bruchstücke dieses colossalen Denk-
loading ...