Amelung, Walther  
Die Basis des Praxiteles aus Mantinea: archeologische Studien — München, 1895

Seite: 12
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Dagegen legen doch all diese Beobachtungen die Frage nahe, ob
und inwieweit wir an diesen Reliefs die Hand des Praxiteles selbst zu
erkennen haben, und wir werden uns sein Verhältnis zu denselben am
wahrscheinlichsten so vorzustellen haben, dass er die Skizze für die
Composition lieferte und dann während der Ausführung nur hier und
da bei den wichtigeren Teilen mit Hand anlegte, so dass die Haupt-
sache seinen Schülern und Gehülfen überlassen blieb.

Die eigentümliche Ungeschicklichkeit, besser vielleicht Sorglosig-
keit, in der Composition aber werden wir uns aus der Jugend des
Meisters zur Zeit der Entstehung jener Gruppe am besten erklären
dürfen; denn, wie Brunn vollkommen überzeugend nachgewiesen hatx),
ist es mehr als wahrscheinlich, dass der betreffende Tempel vor der
Zerstörung Mantinea's begonnen war und sein erstes Cultbild erhalten
hatte, dass dann die Errichtung der Gruppe im andern Teile des
Tempels eben durch das Schicksal der Stadt zunächst verhindert, aber
sobald als möglich in Angriff genommen wurde, als Mantinea sich im
Jahre 370 wieder aus den Trümmern erhob. Jedenfalls gehört ja nun
das Jahrzehnt 370—360, das hier in Frage kommt, in die erste Wirkungs-
zeit des Praxiteles. Wir werden auf diese Datierungsfragc noch am
Schluss unserer Untersuchungen zurückkommen müssen.

Die nächsten Abschnitte gelten einer näheren Betrachtung der
einzelnen Figuren unserer Reliefs. Wenn wir auch zugestehen müssen,
dass die Hand des Praxiteles nur an einzelnen Teilen derselben thätig
gewesen ist, so sind dieselben doch jedenfalls in ihrer Stellung und
dem Wurfe ihrer Gewandung, also in den Hauptzügen, von dem Meister
selbst entworfen worden, und die Gestalten der Musen repräsentieren
uns demnach eine Reihe bestimmter Typen weiblicher Gewandfiguren,
welche im praxitelischen Kreise und Geiste entstanden und daher
berufen sind, unsere Kenntnis echt praxitelischer Schöpfungen und
unsere Anschauung von der Einwirkung des Meisters auf die Ent-
wickelung der Gewandbehandlung im vierten Jahrhundert zu erweitern
und zu beleben.

Dem Gegenstand und Zweck dieser Studien gemäss müssen die
Betrachtungen in einzelne Abschnitte zerfallen. Eine Aneinander-
fügung der einzeln gewonnenen Resultate zu einer zusammenhängenden
Kette kann erst am Schlüsse versucht werden.

) Abhandlungen der bayerischen Akademie der Wissenschaften 1880, Zur griechischen
Künstlergeschiehte, p. 445.
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