Amelung, Walther  
Die Basis des Praxiteles aus Mantinea: archeologische Studien — München, 1895

Seite: 21
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dass das Original dieser Figur ebenfalls der ersten Hälfte des vierten
Jahrhunderts angehört, aber einem anderen als dem praxitelischen
Kreise entstammt, einem Kreise, der in eigener Weise an der Umge-
staltung des Stiles mitgearbeitet hat. Es ist dies ein erstes Beispiel
dafür, dass dasjenige, was wir als spezielle Fortschritte der praxiteli-
schen Schule darzustellen suchen, nicht etwa gleichbedeutend mit der
allgemeinen Weiterentwickelung im vierten Jahrhundert sei.

Zu erwähnen ist endlich, dass die Figur unserer Muse auch einmal in
der Vasenmalerei fast unverändert erscheint, und zwar als Hera auf dem
Bilde einer Kertscher Pelike, welches die Geburt des Erichthonios dar-
stellt (Compte-rendu 185g, pl. I und Baumeister, Denkm. Abb. 537).
Man hat dies Gefäss bereits nach anderen Indizien der attischen Kunst
des vierten Jahrhunderts zugeschrieben, und unsere Beobachtung kann
diese Ansicht nur bestätigen.1)

Die Figur steht merkwürdig ungeschickt im Bilde, so dass man
leicht auf die Vermutung kommen kann, sie sei nicht von dem Maler
erfunden, sondern nach einem plastischen Vorbilde kopiert. Das ist
nicht unmöglich; giebt es doch auch im Louvre (Phot. Giraudon 1140)
eine weibliche Gewandfigur, welche die Campana'sche Athene genau
mit Hinweglassung der Ägis wiederholt, und in der man ihrer majestät-
ischen Erscheinung nach wohl Hera erkennen könnte.

Furtwängler schreibt in seinen >Meisterwerken der griechischen
Plastik« p. 554 über die von ihm auf Taf. XXIX abgebildete Artemis
in Dresden, deren Zuteilung an Praxiteles übrigens schon von Brunn
allein wegen der Verwandtschaft der Gewandung mit der Chlamys
des Hermes von Olympia als möglich hingestellt worden war2): »Über-
raschend ist die Ähnlichkeit der Gewandung von den Knieen abwärts
mit dem entsprechenden Stück einer der Musen am Basisrelief von
Mantinea (derjenigen, die den rechten Arm einstützt); es stimmt hier
(nur dass die Seiten vertauscht sind) fast Falte für Falte.«

*) Robert, welcher in den > archäologischen Märchenc das liild ebenfalls auf T. II
wiedergebt, aller abweichend deutet, vermutet zwar ein Vorbild aus dein fünften Jahr-
hundert; jedoch die Ausführung dieser und verwandter'Gefässe, wie des ebenda auf T. III
wiedergegebenen, ist schon wegen der übrigen Gewandmotive vor dem zweiten Viertel des
vierten Jahrhunderts undenkbar; man beachte besonders die (iäa alias Dirke, welche wieder
lebhaft an die I'eitho der andern Vase erinnert.

2) Verzeichnis zu den linickmannschen 1 )enkniälern no. 123, wo du MUnchener Exemplar
[Glyptothek DO. 113" abgebildet ist
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