Amelung, Walther  
Die Basis des Praxiteles aus Mantinea: archeologische Studien — München, 1895

Seite: 39
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tragische Maske schon in den Musengruppen vom Ende des fünften
Jahrhunderts auftauchte, beweist eine Figur im Museum zu Mantua1),
welche am wahrscheinlichsten eine Muse aus der Zeit des Kephisodot
wiederholt. War aber einmal die tragische Maske angenommen, so
war es natürlich, dass auch die komische bald nachfolgte.

Von den beiden fehlenden Musen der vaticanischen Gruppe hat
die eine sicherlich die Flöten gehabt, auch dies ein auf Vasen übliches
Attribut. Was die neunte gehabt, und ob sie überhaupt ein Attribut
getragen lässt sich nicht mehr feststellen.

Die verschiedenen Charaktere der Attribute selbst drängen nun
ganz von selbst zu gewissen Variationen in der Charakterisierung ihrer
Trägerinnen. So stehen schon Lyra und Kithara in einem deutlichen
Gegensatz, dem entsprechend man sich die Trägerin der Lyra anmutiger,
zarter, erregbarer vorstellen wird, die Trägerin der Kithara gross-
artiger, ruhiger. In einem anderen Gegensatz stehen Tragödie und
Komödie zu einander. Die Trägerinnen der Schriftrolle und des Täfel-
chens werden natürlicherweise ruhig lesend oder sinnend dargestellt
werden müssen, Zu eigenartiger Gestaltung fordert auch der Name
Terpsichore, die Reigenfrohe, auf. Die Trägerin der Flöten wird man
sich weniger gut bewegt und musizierend als ruhig sinnend vorstellen
können, wie auf der Basis von Mantinea.

Wie hat sich nun der Künstler unserer Gruppe verhalten ? Mit
deutlicher Absicht hat er der Muse mit der Kithara den ruhigen
festen Stand und die einfache, an ältere Typen gemahnende Kleidung
gegeben; alles ernst und einfach.2) Ganz anders die Muse mit der
Lyra: in lebhafter Bewegung und mannigfaltig geworfener Kleidung
ist sie in dem Momente dargestellt, wie sie in die Saiten ihres Instru-
mentes greift.3)

') Einzelverkauf von Arndt-Hruckmann, no. 9.

2) Eine gute Replik in Stockholm, erg. Nase, Kinn, Hals, Arme, Teile der Kithara,
vieles am Gewände, alles von den Knieen abwärts. Photographie Lagrelius 7. Danach
Abb.22. Nach dieser Probe wird es ja wohl niemandem mehr zweifelhaft sein, dass die Figur
wirklich zu der Gruppe gehöre (Zweifel waren mir mündlich geäussert worden). Die schein-
baren Unterschiede entspringen aus der Absicht des Künstlers, den Charakter der Kithara-
Spielerin entschieden zur Darstellung zu bringen. Wegen der Einzelheiten aber betrachte
man eben das Stockholmer Fragment. Die vaticanische Figur ist eine der am schlecht)
gearbeiteten aus der ganzen Gruppe. Zwei weitere Repliken in Paris: Clarac 322, 1852,
Lonvre, Fröhner, Notice no. 413 u. Cl. 354, 1067, Jardin des Tuileries.

3) Kleine ungenaue Replik in der Galeria dei candel. no. 182. Erg. Kopf, Arme
und llürner der Kithara. Vergl. Madrid lau. ib.
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