Amelung, Walther  
Die Basis des Praxiteles aus Mantinea: archeologische Studien — München, 1895

Seite: 41
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Kontrast aber zu dieser Erscheinung voll Anmut und frischer Natür-
lichkeit bildet die nur lose zur Seite gelegte Komödienmaske mit
ihren übertrieben verzerrten, hässlichen Zügen. *)

Welch einen vollen Gegensatz hierzu bildet die Göttin der Tragödie!
Eine breitere Gestalt, im einfachen faltigen Gewände, das auch die
Arme verhüllt, den Mantel, ohne Rücksicht auf gefälligen Wurf mit
dickem Wulst um den Arm gewunden, den linken Fuss in mächtiger
Bewegung auf hohem Felsstein emporgesetzt — eine Gestalt, in der
man grosse innere Erregung und ernste Fassung vereinigt findet, ein
Wesen, das in Haltung und Kleidung ihre Nichtachtung zarter jugend-
licher Aumut bekundet. Und nun der Kopf, mit dem mächtig
wallenden Lockenhaar an die düsteren Bilder der Unterweltsgötter
^(-mahnend; die Masse des Haares noch verstärkt durch die über-
fallenden Blätter des Weinlaubs und die Trauben des Dionysos2).
In den Augen aber liegt ein ernster, ja ganz leise schmerzlicher Zug,
den man leicht erkennt, wenn man die Augen der anderen Köpfe
genauer vergleicht Das Auge unserer Muse ist schmaler durch das
höhere Emporziehen des Unterlides und die Linie des Oberlides hebt
sich leise dem inneren Augenwinkel zu, beides ganz leichte Spuren
einer schmerzlichen Erregung. Das Untergesicht ist voller als bei den
anderen und das Kinn energischer gebildet3).

In einfacher, ruhiger Haltung sitzen die beiden Musen mit dem
Täfelchen und der Schriftrolle, die erstere, wie wir an dem einen

') Eine massige, sehr zerstörte Wiederholung des Kopie- i-t kürzlich au- Villa Borghese

in <la- Dresdener Museum gekommen Jahrbuch d.J. 1S94, archäologischer Anzeiger, p, 28,11.

s An den beiden Wiederholungen des Kopfe- in Athen (KazäXoyos UO. 193 und im
BracctO nuovo, no. 7. fehl! dieser Kranz. Doch werden wir uns denselben in Hronze zu
ergänzen haben.

I ine ganz verwaschene Keplik der Figur befindet -ich jetzt im Thermen-Mu-eiim in
Koni, eine gute Wiederholung in Stockholm, Photographie I.agrelius 4 (erg. Kopf mit Hai-
ti. Bruststuck, beide Hände mit Teilen der Unterarme, Einzelne* an der Maske u. am Gewände).

*) Die griechische Wiederholung in Athen ist an sich lebensvoller, scheint aber in
Einzelheiten frei zu sein, wie sie auch den Stil mehr dem Marmor anpasst, während unser
römisches Exemplar sklavischer dem Hronzestil des Originales folgt.

Gar nicht einverstanden kann ich mich mit der Deutung des Ausdruckes in den
beiden letztgenannten Gesichten) erklären, wie sie Heibig in seinem >Führer« giebt, der dein
Kunstler merkwürdig allegorische Absichten unterschiebt. Weit schlimmer aber i.-t die Erklärung,
die Baumelst» in -einen Denkmälern d. kl. A. IL, p. 971, von der Bewegung der Melpomnir
giebt: »Dem Unterzeichneten scheint die etwas unweibliche Gespreiztheit der Stellung auf
heroische Männlichkeit und Erhabenheit der Sprache, sowie die Gewaltsamkeit des Anstieg!
auf den lel-en auf d ■ edankenh&ne der Tragödie gedeutet werden zu müssen« I
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