Amelung, Walther  
Die Basis des Praxiteles aus Mantinea: archeologische Studien — München, 1895

Seite: 42
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Madrider Exemplar sehen, mit sinnend zur Seite geneigtem Kopfe
voll ernsten Ausdrucks. Die letztere hat durch die thürichte Er-
gänzung des rechten Armes an dem vaticanischen Exemplar den An-
schein erhalten, als wolle sie docieren (vgl. Heibig a. a. O.). An dem
Madrider Exemplar ist die rechte Schulter und der Ansatz des Armes
erhalten. Danach war dieser letztere massig erhoben.1)

Zum Schluss kommen wir auf die Figur zurück, von der diese
ganze Betrachtung ausging, und welche in ihrer anmutigen Verhüllung
mit der schwungvollen Bewegung und dem ernsten schönen Antlitz
wohl an die Reigen und Tänze der Musen denken lässt.')

Wir haben die Charakteristik der einzelnen Gestalten durchge-
sprochen. Dieselbe bewegt sich in den feinsten Abstufungen, und niemals
erhalten wir den Eindruck von etwas kalt Abstrahiertem. Diese Musen
sind keine gleichgültigen Trägerinnen von Symbolen und Attributen;
sie sind lebendige göttliche Schwestern, die Gespielinnen des Apoll in den
Schluchten des Helikon, auf dessen Bergwald die Sitze und Kränze
deuten, lebendig empfunden und gestaltet, innerlich individualisiert im
Einklang mit den verschiedenen Attributen, und doch alle mit dem
gemeinsamen Grundzug sinniger Jungfräulichkeit. Hier ist nichts, was
der Annahme widerstreitet, dass wir in dieser Gruppe die Nachbildung
eines Werkes aus der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts besitzen.

Zudem muss man sich doch immer gegenwärtig halten, dass
derartige Schlüsse, wie der oben bekämpfte, sich immer nur auf die
Kenntnis der äusserst lückenhaften Reihe von Monumenten und
Schriftquellen gründen, welche uns der Zufall erhalten hat. Ein neu
gefundenes Monument, eine neu benutzte Schriftquelle kann das ganze
Gebäude der Schlussfolgerung umstürzen, und die gleiche Wirkung
können fest bestimmbare und fassbare, stilistische Kriterien gewinnen,
wie in unserem Falle.

Wegen der bedeutenden Steigerung in's Elegante und Zierliche,
wie wir sie an den Figuren der Gruppe beobachten, kann man die

') Üeber eine schlechte Wiederholung dieses Musenpaares im Giardino Boboli zu
Florenz, vgl. Einzel-Verkauf von Arndt-Amelnng no. 289 u. 290.

*) Eine Wiederholung mit nicht zugehörigem Kopf.' im l.ouvrc, Clarac 328, 1091,
Fröhner a.a.O., no. 392. Eine weitere Replik ohne Kopf in der Villa Borghese auf einem
der l'fosten des Geländers, welches den Teil des Parks abschliesst, den man neuerdings zu
einem Tiergarten umgeschaffen hat. Eine weitere Wiederholung, die alier nicht näher unter-
sucht werden konnte, steht auf dem Dache eines Gebäudes im Cortile della I'igna gegen
der I'igna (Eingang zum Braccio nuovo).
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