Amelung, Walther  
Die Basis des Praxiteles aus Mantinea: archeologische Studien — München, 1895

Seite: 46
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Wir erkennen in dieser Statuette ein bemerkenswertes Glied der
Entwickelung, welche zu der Kunst der späteren Jahrhunderte über-
leitet, in der die Umhüllung der Figuren mit florartigen, durchscheinen-
den Himatia mit besonderer Vorliebe zu den raffiniertesten und mannig-
faltigsten Effekten benutzt wurde.

In dem Kopf ist indes noch so viel echt Praxitelisches enthalten,
dass wir das Werk einem der intimsten Schüler des Meisters zu-
schreiben dürfen, wenn wir es nicht
noch ihm selber zu verdanken haben.
Eine Zwischenstufe zwischen der Sta-
tuette und der Herculanenserin stellt
ein wundervoller Grabstein des athen-
ischen Centralmuseums (no. 1005) dar,
den wir hierneben mit gütiger Erlaub-
nis der athenischen Museumsverwal-
tung abbilden (Abb. 23). Derselbe giebt
uns zugleich ein deutliches Zeugnis
für die grosse unmittelbare Wirkung
der praxitelischen Kunst in Athen.
Der Stein muss ja jedenfalls vor dem
bekannten Gebot des Demctrios, das
den LllXUS der Graber einschränkte,
also vor 315 entstanden sein1). Indes
dürfen wir ihn sicher wesentlich höher
hinaufrücken und etwa in das Jahr 340,
d. h. ungefähr in die gleiche Zeit mit
der kleineren Herculanenserin setzen,
welche nun zwischen ihrer grösseren
Schwester und den Thespiaden, also in dem Jahrzehnt 350—340 ihren
Platz findet.

Abb. 23. Grabstein in Athen.

Endlich sind wir im stände, von der grossen Herculanenserin aus
noch eine andere Entwickelung zu verfolgen, und zwar nach rück-
wärts. Hierzu verweise ich zunächst auf eine Statue aus dem Hause
der Vestalinnen zu Rom (Jordan, Der Tempel der Vesta u. d. Haus
d. Vestal., T. IX, 6). Man erkennt leicht die vollkommene Überein-
stimmung in den Motiven des unteren Himation- und Chiton-Falles.

VergL Brückner, Ornament and Form der mt. Grabttellen, p, 1 ff
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