Amelung, Walther  
Die Basis des Praxiteles aus Mantinea: archeologische Studien — München, 1895

Seite: 50
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V.

Wir kommen zu der Besprechung der ersten Muse der zweiten
Platte, bei der wir zugleich die Betrachtung des oberen Himation-
Arrangements der vorher behandelten Muse nachzuholen haben; denn
bei beiden finden wir im Grunde das gleiche Motiv, nur dass der
horizontale Wulst des Mantels dort über den linken Unterarm herab-
hängt und dementsprechend der Teil, welcher hinter diesem Wulst
nach oben durchgezogen ist, nur die eine Brust überspannt, während
der Mantel bei der Muse mit den Flöten oben auf der linken Schulter
aufliegt und das durchgezogene Stück desselben die beiden Brüste
bedeckt.2)

Parallelen zu jener eigentümlichen Art, die eine Brust oder
beide durch das Himation künstlich zu überspannen, bieten ver-
schiedene attische Grabreliefs. Dieselben befinden sich im Central-
museum zu Athen. Am einfachsten ist das Motiv auf no. 764 an der
Figur der Ameiniche behandelt (Conze, Attische Grabreliefs, T. 34, p. 73),
trotzdem dieses Relief, nach den Köpfen zu urteilen, jünger ist als
das folgende Beispiel, bei dem aber auf die Arbeit des Gewandes mehr
Sorgfalt verwendet ist; d. i. no. 722, der Grabstein der Archestrate
(Lebas, Monum. figures, T. 68). Der Kopf der Verstorbenen erinnert
sehr an ältere praxitelische Köpfe, wie den des Apollon Lykeios.
Endlich das späteste hierher gehörige Relief ist no. 819 (Archäol.
Ztg. 1845, T. 34; Friederichs-Wolters, Bausteine, no. 1043). Hier
ist das Himation über beide Brüste gezogen. Die verhältnismässig
späte Entstehungszeit verrät sich unter anderem an einem Gewand-
motiv der links stehenden Frau ; diese hat einen Zipfel des Himation
unter dem rechten Ellbogen eingeklemmt, wie wir es ähnlich nur an
der kleinen Herculanenserin gefunden haben. Auch die grosse Figuren-
zahl und einstige Breite des Reliefs sprechen für seine späte Ent-
stehung.

') Falsch habe ich das Motiv in den Florentiner Antiken p. 3.? erklärt, worauf mich
Pallat zuerst aufmerksam gemacht hat.
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