Amelung, Walther  
Die Basis des Praxiteles aus Mantinea: archeologische Studien — München, 1895

Seite: 51
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Statuarisch sind mir ähnliche Motive nur in zwei Beispielen be-
kannt, einmal in einer Figur des Palazzo Giustiniani zu Rom (M.-D.
1545, Clarac 439, 795B), die leider schlecht erhalten ist, und das andere
Mal in einer Bronze, welche auch sonst schon zweifelnd mit Praxiteles
in Zusammenhang gebracht und sogar mit einem bestimmt überlieferten
Werke des Meisters identifiziert worden ist: die weibliche Gewand-
statue der Glyptothek in München no. 314 (vollkommen erhalten bis
auf den Kopf). Man hat dieselbe als Spinnerin ergänzen und in ihr
die Katagusa des Praxiteles erkennen wollen.]) Die Ergänzung hat in
der That viel Wahrscheinlichkeit; das Motiv des Himation erinnert
lebhaft an die eben besprochenen Werke und die Musen der Basis;
allerdings darf man seine Anschauung von den Einzelheiten nicht
allein an der Münchener Bronze bilden, welche in ihrer Ausführung
ziemlich roh und unlebendig ist, sondern nach einer besseren AVieder-
holung in Marmor, welche sich in dem Park von Villa Borghese
befindet (M.-D. no. 1534). Doch ist zu irgend einer Sicherheit kaum
zu gelangen; im Gegenteil kann ich meine bestimmten Zweifel an der
Richtigkeit der Hypothese nicht unterdrücken. Der Figur fehlt ein
Hauptmerkmal aller echt-praxitelischen Gestalten: der überaus leichte,
freie Stand, das leichte, mühelose Tragen des Körpers auf den Hüften.
Es ist dagegen etwas Träges, Mattes und Weichliches in Stand und
Haltung der Figur, und so scheint mir in der That nur das mit
Sicherheit zu behaupten möglich, dass die Figur in den weiteren Kreis
praxitelischer Gestalten gehört. Nach der breiten Anlage der Brust
und der Einfachheit der Motive muss das Original der ersten Periode
des Meisters angehören und wird zeitlich unseren Reliefs nicht allzu
ferne stehen.

Speziell über das Motiv der Muse mit den Flöten habe ich schon
in meinen »Florentiner Antikenc gehandelt und dasselbe dort an einer
einstmals in Athen hochberühmten Statue der Köre nachgewiesen,
deren Entstehung ich dem praxitelischen Kreise zuschrieb. Eine will-
kommene Bestätigung bringt mir nun eine Abhandlung Rob. von
Schneiders in den Jahrbüchern des Allerhöchsten Kaiserhauses zu
Wien 1894, p. i35 ff-- nl welcher derselbe eine Statue des Wiener
Hof-Museums bespricht (abgeb. auf T. X u. XI), welche in dem all-

') Min. X. II. XXXIV. 69. Soviel mir bekannt, ist dieser Gedanke unabhängig

tugletcb von LOachcke und Flasch gefasst worden. Von dem letzteren ist eine ein

gehendere Kehandlung der Figur zu erwarten.

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