Amelung, Walther  
Die Basis des Praxiteles aus Mantinea: archeologische Studien — München, 1895

Seite: 52
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gemeinen Motiv dos Gewandes mit der von mir publicierten Floren-
tiner Figur übereinstimmt, und deren zugehöriger Kopf stilistisch eben
in die Schule und Zeit passt, welche ich für das Original jener Köre
angenommen hatte, d. h. in die praxitelische Schule und in die Zeit
bald nach 350. Man vergleiche den Kopf der Wiener Statue besonders
mit den oben abgebildeten Köpfen der Musen. In den Einzelheiten
der Gewandbehandlung ist indes die Wiener Figur noch einfacher als die
Florentiner und dürfte deshalb eine Vorstufe des Typus repräsentieren1).

Die allernächste Parallele zu unserer Muse bietet jedoch eine mir
nur in einem Exemplar bekannte Figur: die Gestalt der ältesten
Tochter aus der Familie der Balbi in Neapel (Baumeister, Denkm.,
Abb. 1933 = Mus. Borb. II, 40). Augenscheinlich hat sich die Familie
das Porträt dieser Tochter besonders viel kosten lassen, denn es
zeichnet sich vor allen anderen durch eine eigenartige Feinheit in der
Ausführung aus, eine gewisse leblose Eleganz, welche durchaus un-
griechisch ist und wohl als das spezielle Eigentum eines pompejanischen
Porträtbildners zu betrachten ist. So dürfen wir also diese Figur nicht
als Copie im eigentlichen Sinne auffassen; wir werden nur die all-
gemeinen charakteristischen Züge des ursprünglichen Originales in dem
Arrangement der Gewandung erkennen können. Dieses stimmt nun
vollkommen mit unserer Muse überein, und es haben sich nur einige
unwesentliche Motive durch den Wechsel des Standbeins geändert. Das
Ganze ist noch sehr viel einfacher als die Wiener und Florentiner Köre,
und das Original stand jedenfalls unserm Relief zeitlich bedeutend
näher, als die Originale jener beiden.

Das etwas künstliche Motiv, einen Teil des Himations nach oben
durchzuziehen und über die Brust zu spannen, weist mit Bestimmtheit auf
ein anderes Arrangement als Vorstufe zurück, bei dem das Ilimation
einfach von der rechten Hüfte schräg über die Brust und die linke
Schulter geworfen ist. Dies begegnet uns an einer der lieblichsten
Gestalten des Altertums, welche in ihrem ganzen Charakter so durchaus
mit unserer Relieffigur übereinstimmt, dass wir hier sicher eine Zeit-
genossin derselben und wahrscheinlich eine Schöpfung desselben
Künstlers vor uns haben: die als Urania ergänzte Figur des

') Schneider hebt a. a. O. mit Recht hervor, dau daa eigenartige Gewandmotiv
in gleicher Weise für Köre und Demeter angewendet wurde. Richtig i»l auch, dau die

Florentiner Figur voller und prächtiger i>t als die Wiener, dieselbe kann indei nie.....1t

Demeter dargestellt haben, wie Schneider will. Dazu fehlt ihr zu lehr die matronale fidle
und Würde.
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