Amelung, Walther  
Die Basis des Praxiteles aus Mantinea: archeologische Studien — München, 1895

Seite: 56
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/amelung1895/0058
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
— 56 —

teiligt war, und dio Nachricht verdient schon deshalb Berücksichtigung,
weil wir wissen, dass der Künstler eben zur Zeit der Errichtung jenes
Grabmales auch sonst in Klein-Asien beschäftigt war. An den Friesen
aber kann er nach der bestimmten Überlieferung des Plinius nicht
mitgearbeitet haben; wir müssen deshalb die Spuren seiner Thätigkeit
in anderen Teilen des Werkes suchen und dürfen dieselben, wie ich
glaube, nach den obigen Beobachtungen mit Recht in jenen beiden
Porträtfiguren erkennen, wenn man diese auch nicht für eigenhändige
Arbeiten des Meisters wird halten wollen. Dieser Annahme wider-
spricht der gut erhaltene Kopf der männlichen Statue durchaus nicht,
soweit man nach einer Vorgleichung von Porträt und Ideal urteilen
kann. Der individuelle Charakter des Dargestellten tritt mit
grosser Energie und Klarheit hervor, aber in einzelnen, allgemeiner
gehaltenen Zügen, lässt sich eine lebhafte Verwandtschaft mit den
entsprechenden Teilen an dem Kopf von Melos nicht verkennen.

Das Unterteil einer dem Maussolos fast entsprechenden Statue von
guter Arbeit befindet sich im Vestibolo rotondo des Belvedere im
Vatican (no. 4) und ist abgebildet bei Pistolesi, II Vaticano, IV, T.
LXXXVII. Nicht nur der allgemeine Wurf des Gewandes und die
Stellung stimmen an beiden Figuren übercin; auch die Arbeit im
Einzelnen (Liegefalten) und die Bildung der Sandalen sind ganz nahe
Verwandt An dem Fragment sind der linke Fuss und das vom linken
Arm herabhängende Ende des Mantels erhalten, Teile, die an dem
Maussolos fehlen oder ganz beschädigt sind.

Man vergleiche nun die Behandlung des herabhängenden Mantel-
zipfels mit der des Mantels beim Hermes in Olympia. Hier wie dort
finden wir die gleiche Art, die Flächen durch kleinere Motive zu
beleben, wodurch der Eindruck eines schweren, gefütterten Stoffes
vortrefflich wiedergegeben wird. Das Gleiche können wir am Mantel
der Artemis von Gabii beobachten.

Es liegt auf der Hand, dass diese Verwandschaft auch für die
Beurteilung der Maussolos-Statue nicht ohne Bedeutung ist.
loading ...