Amelung, Walther  
Die Basis des Praxiteles aus Mantinea: archeologische Studien — München, 1895

Seite: 63
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über zwanzig Jahre aus einander liegen. In allen rinden wir die gleiche
Künstler-Individualität, aber das durchaus Neue beim Hermes ist die
virtuose Benutzung aller durch das Material gebotenen
Effekte zu der reichsten, lebendigsten Wiedergabe der
Natur. Hier ist nichts Verallgemeinertes, nichts Stilisiertes mehr; der
letzte Anflug erhabener Würde, der letzte Nachklang phidiassischer
Grösse, wie wir ihn selbst noch in der Aphrodite von Knidos spüren,
ist hier dem natürlichen Ausdruck vornehmer Anmut, der unmittel-
barsten Wiedergabe des Lebens gewichen. Die grössere Virtuosität
in der Darstellung der einzelnen Teile des Gesichtes, welche eben
auch ein stärkeres Interesse für deren äussere Erscheinung voraussetzt,
ist aber eine vollkommene Parallele zu der beobachteten Geschmacks-
änderung in der Darstellung des Gewandes.

Sollte sich diese Änderung allein durch die Anregungen erklären,
die der Künstler durch das üppigere Leben in den reichen Kolonien,
speziell durch die mannigfaltigere Verwendung glänzender, fremd-
ländischer Stoffe erhielt? Sicherlich konnten diese Eindrücke nicht
ohne Wirkung bleiben. War doch für Athen, die Heimat des Künstlers,
die Zeit des Reichtums und des Glanzes vorüber. Zwar hatte sich
nach dem furchtbaren, tragischen Ende des dreissigjährigen pelopon-
nesischen Krieges die Seemacht Athens noch zeitweise wieder er-
hoben und über das ionische Meer ausgebreitet, aber es war nur wie
das kurze Aufflackern einer verlöschenden Flamme gewesen. Die
Kräfte aller festländischen Staaten verzehrten sich in unaufhörlichen
wechselnden Kämpfen, und so ward der Boden einem Mächtigeren
bereitet, Philipp von Makedonien, der gerade in den Jahren, als
Praxiteles nach Klein-Asien ging, begonnen hatte, das alte heilige
Griechenland, die Burg der Freiheit, mit Eisen und Gold zu unterjochen.

Wir dürfen deshalb kaum voraussetzen, dass sich in jener Zeit
vor 355 em glänzender Wohlstand in Athen entwickelt habe, und so
tragen auch alle Werke des Praxiteles aus jener Periode noch einen
Stempel des gemilderten Ernstes, der vornehmen Zurückhaltung, man
möchte wirklich sagen, der Sparsamkeit. In jenen reichen, üppigen
Kolonien musste sich der Künstler wie in einer neuen Welt dünken,
und sein sch<>nheitsdurstiges Auge, durstig auch nach Glanz und
Pracht, konnte erst hier volle Befriedigung finden. Eine andere
Lebensstimmung scheint sich seiner zu bemeistern; mit der Bereiche-
rung seines sinnlichen Empfindens wächst aber auch der Reichtum
seines sinnlichen Schaffens.
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