Amelung, Walther  
Die Basis des Praxiteles aus Mantinea: archeologische Studien — München, 1895

Seite: 64
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Hierdurch kann sich in der That eine Erklärung finden für die
Änderung der allgemeinen Grundanschauung in dem Wirken des
Künstlers. Aber wir sind, wie ich glaube, im stände, mittels einer
kurzen Nachricht auch einen speziellen Einfluss auf Praxiteles nach-
weisen zu können, den Einfluss eines einzelnen Menschen, eines
anderen Künstlers, der ihm ungefähr in der Mitte seines Lebens nahe
getreten sein muss. Ich meine den Maler Nikias, de quo dicebat
Praxiteles interrogatus quae maxume opera sua probaret in marmoribus:
quibus Nicias manum admovisset; tantum circumlitioni eius tribuebat
(Plin. N. H. XXXV, 133).

Die wenigen ungefähren Daten, die wir von dem Leben dieses
Künstlers kennen, weisen seine Hauptblüte an das Ende des vierten
Jahrhunderts. Er war ein Schüler des Antidotos, dieser wieder ein
Schüler des Euphranor, eines wohl etwas älteren Zeitgenossen des
Praxiteles; er hat ein ausgezeichnetes Porträt Alexanders d. Gr.
gemalt und kam noch mit dessen Feldherrn Ptolemäos in Berührung,
als derselbe schon den Königstitel angenommen hatte (306).

Xach alledem kann die Begegnung der beiden Künstler und ihr
freundschaftliches Zusammenwirken nur in die zweite Periode des Praxi-
teles nach seinem klein-asiatischen Aufenthalt fallen, und es würde
sich also das lobende Urteil desselben nur auf die zeitlich und stilistisch
zusammengehörigen Werke eben jener Periode beziehen, denn nur an
diese konnte Nikias Hand angelegt haben. Bei dieser Annahme ver-
schlägt es nichts, dass Praxiteles damals schon im Zenith seines Ruhmes
stand, während Nikias noch ein Anfänger war. Im Gregenteil scheint
mir die dienende Rolle, welche der Maler in diesem Verhältnis erhielt,
einen derartigen Altersunterschied geradezu vorauszusetzen. Dem in
Asien erwachsenen Bedürfnis des Praxiteles kam die talentvolle Hand
des jungen Malers zu Hülfe. Farblos sind ja sicher auch die Werke
der ersten Periode nicht gewesen; es muss aber nach jenen Worten
die Farbe durch Nikias einen ganz anderen, weit bedeutenderen Anteil
an der Wirkung der plastischen Compositionen des Praxiteles erhalten
haben. Die Bestätigung und Erklärung hierfür geben uns die ohne
ihren farbigen Schmuck erhaltenen Figuren selbst.

An dieser Stelle seien auch die schönen Worte Benndort's er-
wähnt, mit denen er in den neuen archäologischen Untersuchungen
auf Samothrakec in grossen Zügen, aber vollkommen zutreffend, die
Entwickelung der Gewandbehandlung in dem letzten Teil des vierten
Jahrhunderts skizziert. Nachdem er ausgeführt, dass die Künstler in
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