Amelung, Walther  
Die Basis des Praxiteles aus Mantinea: archeologische Studien — München, 1895

Seite: 65
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dem ersten Theile jenes Jahrhunderts noch im wesentlichen von den
Prinzipien des Phidias abhängig gewesen seien, fährt er folgendermassen
fort: »— so ist doppelt begreiflich, dass in jener späten, überaus reg-
samen Zeit, in der die Beobachtung der Natur auf allen Gebieten
menschlichen AVissens einen energisch neuen Anlauf nahm (B. meint
hier speziell die Zeit Alexanders), sehr lebhaft und ungeduldig andere
Anforderungen auftraten, welche der tausendfach gesehenen stilvollen
Anordnung überdrüssig, nur durch einen rücksichtslos natürlichen
Wurf des Gewandes und virtuos erfasste Details zu befriedigen waren.
Aus seiner alten Dienerrolle befreit und gleichsam sich selbst zurück-
gegeben, sollte das Gewand der aus dem Ganzen der Composition
herauswirkenden Gestalt mehr nur gewisse Rücksichten und die un-
entbehrlichste Beihilfe leisten, im übrigen hingegen möglichst ungehindert
dem Zufall folgen, möglichst selbständig charakterisieren, möglichst
voll vor Allem und unabhängig von der ideellen Bedeutung des Kunst-
werks einen unmittelbaren Reiz stofflicher Formen entwickeln, der wie
ein frischentdecktes Wunder aus einem bis dahin geradezu übersehenen
Gebiete der Erscheinungswelt die Empfänglichen entzückte. Dem
öffentlichen Geschmacke vorauseilend oder folgend, vollzog sich einmal
nach diesen Zielen eine Regeneration des Gewandes, welche in mehr
als einer Hinsicht Vergleichungspunkte darbietet mit der allmäligen
Verselbständigung des Kolorits in der Malerei des sechzehnten Jahr-
hunderts. Der eigentliche Verlauf dieses merkwürdigen Prozesses ist
freilich im Einzelnen noch nicht genügend zu verfolgen. Nur soviel
ist deutlich, dass einerseits Anfänge und bedeutende Vorbereitungen
schon in der jüngeren attischen Schule gegeben waren, wie denn das
wunderbare, man darf sagen, raffiniert natürliche Draperiestück des
Hermes von Olympia, der, wie ich meine, in die späteste Lebenszeit
von Praxiteles fällt, historisch betrachtet ein Stadium leidenschaftlich
eindringender Einzelstudien repräsentiert, welche als notwendige Grund-
lage vorausgehen mussten, wenn das neue Gewandideal mit aller Sicher-
heit in vollbewegter Erscheinung zur Entfaltung kommen sollte.
Andererseits wird es unmöglich Zufall sein, dass wir dasselbe an einer
Reihe von Statuen, welche dem Ende des vierten und dem Anfang
des dritten Jahrhunderts angehören, im besten Zuge der Entwickelung
oder bereits consolidiert finden.«1) Benndorf bezieht sich hier vor

') A. a. O. II, p. 73 ff- I>ie Anfangswortc der Periode sind fortgelassen, da die
doii nach 0. Müller. Handbuch d. Archäol. § 343,4 gegebene Deutung der betrefifenden
Stelle :nis den Tr.ichinierinnen des Sophokles (V. 765 ff.) unrichtig ist. xhtXWOt /mUr ist
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