Amelung, Walther  
Die Basis des Praxiteles aus Mantinea: archeologische Studien — München, 1895

Seite: 72
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findet sich am ähnlichsten an den Niobiden wieder. Das Musenrelief
ist sicher von einem attischen Künstler, aber ebenso sicher von keinem
Meister gearbeitet. So dürfte sich die Kreuzung verschiedener Rich-
tungen in demselben leicht erklären.

An eben jenem Orte erwähnt Petersen eine Mädchenstatue des
Conservatoren-Palastes (Heibig, Führer I, no. 559). Die Figur hat mehr
als einen Berührungspunkt mit der kleinen Herculanenserin, mit der
sie zeitlich zusammengehören wird. Stellt man indes die beiden
Mädchengestalten nebeneinander, so wird man sofort den grossen
Unterschied gewahr; das Gewand der Herculanenserin ist weit lockerer,

fällt leichter und
schmiegt sich freier
dem Körper an. Wir
haben nicht, wie bei
der anderen, das Ge-
fühl des Eingewickel-
ten. Auch der Kopf
jener anderen erinnert
wohl an praxitelische
Typen, weist aber auf
eine andere Künstler-
individualität.

Zum Schluss ver-
weise ich noch auf
eine kleine, aber be-
deutsame Gruppe von
Figuren, welche in

Abb. 29. Statuette aus Neapel.

ihrer Gewandbchand-
lung manches mit den
Werken der zweiten
Periode des Praxiteles
gemein haben, aber
dennoch eine eigene
Stellung neben den-
selben einnehmen. Das
bekannteste, auch mit
dem Kopf erhaltene
Glied dieser Gruppe
ist die Flora-Statue
im Capitol (Heibig,
Führer I, 519; Brunn-
Bruckmann, Denk-
mäler, T. 257). Zu ihr
gehört die sogen. Zin-

garella des Louvre (Clarac 287, 1231; Replik in England Cl. 500, 984),
ferner eine Statuette, welche mir nur im Gypsabguss bekannt ist
(Abb. 29; Friederichs-Wolters no. 1553) und endlich der sehr gross-
artige, als Minerva pacifica ergänzte Apollon Kitharödos des Vatican
(Heibig, Führer I, 187). Alle diese Werke gehören augenscheinlich
demselben Künstler an, alle haben in ihren Gewändern die grösste
Verwandtschaft mit den spät-praxitclischen Figuren, glänzen jedoch
mehr in äusserlicher Eleganz, ohne jenen an Lebendigkeit und Reich-
tum gleichzukommen.

Endlich erinnere man sich an die im II. Abschnitt erwähnte
Athena-Statue der Glyptothek, bei der der Vergleich mit der ent-
sprechenden praxitelischen Gestalt besonders lehrreich ist.
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