Amelung, Walther  
Die Basis des Praxiteles aus Mantinea: archeologische Studien — München, 1895

Seite: 73
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Nach all diesen vorgleichenden und ergänzenden Ausblicken wird
sich für jeden immer klarer in den dem Praxiteles zugesprochenen
Werken ein gemeinsamer persönlicher Charakter herausgestellt haben,
so dass ihre Zusammenordnung nicht willkürlich erscheinen kann;
man darf vielmehr hoffen, nach den gewonnenen Resultaten werde es
möglich sein, auch noch weitere Werke dem Künstler selber zuzu-
teilen und auf diese Weise allmählig ein immer fester umrissenes Bild
seiner Persönlichkeit zu erhalten.

Im Laufe unserer Untersuchungen, hauptsächlich in Abschnitt IV,
ist zur Begründung der Rückführung verschiedener Monumente auf
Praxiteles nicht nur auf die Verwandtschaft charakteristischer Gewand-
motive, sondern auch auf allgemeinere Stilkriterien, besonders auf die
eigentümliche Bildung des Kopfes und des Gesichtes, hingewiesen worden,
wie sie uns die Werke des Praxiteles auszuzeichnen scheinen, Züge, in
denen wir die spezielle Handschrift des Künstlers erkennen. Um den
i ..mg der Untersuchung nicht zu unterbrechen, mussten diese Hinweise
an Ort und Stelle nur auf Andeutungen beschränkt bleiben. Nachträglich
aber scheint es nicht unangebracht, dieselben etwas weiter auszuführen.
Die grundlegende Arbeit auf diesem Gebiete stammt von Treu
(Athen. Mitth. 1881 p. 393 ff.), dessen Ausführungen dann von Graf
(Rom. Mitth. 1S89 p. 189 ff.) teils wiederholt, teils erweitert wurden.
Beiden gab der Vergleich mit Werken des Skopas, der Wunsch, sich
über die Handschrift dieses Künstlers klar zu werden, Gelegenheit,
auch die Eigenart praxitelischer Kunstweise zu ergründen und darzu-
stellen. In beiden Fällen waren lediglich Köpfe als Vcrgleichsmaterial
vorhanden, und auch in unserem Falle handelt es sich ja nur um Köpfe.
Die Ausführungen beider brauchen deshalb nicht im Einzelnen
wiederholt zu werden. Da wir vollends nur mit weiblichen Köpfen
zu thun haben, bei denen Frisur oder Schleier die Schädelform ver-
deckt, oder bei denen, wie bei den vaticanischen Musen, die Rückseite
der Köpfe vernachlässigt ist, so wird es hauptsächlich auf die Bildung
des (iesichtes ankommen.

Allerdings äussert sich ja die Tendenz des Praxiteles, den ganzen
Schädel hauptsächlich nach der Höhe zu entwickeln — im Gegensatz
zu der Tendenz des Skopas, den Schädel mehr nach Breite und Tiefe
auszudehnen — auch in bedeutenden Teilen des Gesichtes. So bildet
Skopas z. B. das Kinn vorne sehr viel breiter und stumpfer und lässt
den Knochen des Unterkiefers ziemlich horizontal gegen die durch
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