Amelung, Walther  
Die Basis des Praxiteles aus Mantinea: archeologische Studien — München, 1895

Seite: 75
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An den Werken des Praxiteles liegen die Augen verhältnismässig
weit auseinander, durch einen breiten Nasenansatz getrennt. Der hier-
durch hervorgerufene Eindruck wird noch verstärkt dadurch, dass die
Augen ziemlich flach im Kopfe liegen, d. h. immer noch tiefer, als es
in der Natur meistens der Fall ist, aber flach im Verhältnis zu denen
anderer zeitgenössischer Werke, besonders derer des Skopas. Bei
diesem verlangt schon äusserlich die kräftigere Entwicklung aller
Formen auch eine effektvollere Gestaltung der Augen. Dazu kommt
der Hang zu unruhvollem, melancholisch erregtem Ausdruck, wie er
allen Werken des Pariers eigen scheint. Beides brachte denselben zu
einer Anlage der Augen, welche sich niemals in der Natur vorfindet;
er legte den inneren Augenwinkel tiefer als den äusseren. Die Augen
werden dabei thatsächlich kaum weniger weit auseinander liegen, als
die praxitelischen; aber durch den starken Schatten im inneren Brauen-
winkel wird der Anschein erregt, als wäre dies wirklich der Fall.

In der Zeichnung des Unterlides wird sich kaum ein fassbarer
Unterschied erkennen lassen; dasselbe zeigt im vierten Jahrhundert
überall jene sanfte Wellenlinie, auf welche Winckelmann wohl mit
Recht das homerische Beiwort ikxoßliq aßoe bezogen hat (Donaueschinger
Ausgabe, IV, p. 266, und sonst). Bei dem Vergleich der skopasischen
Köpfe von Tegea mit dem Hermes von Olympia musste indess dies
verschiedene formelle Behandlung der Unterlider auffallen, dort deutlich
von dem Augapfel geschieden, beim Hermes kaum merklich in den-
selben übergehend. Solange es sich nur um Marmororiginale oder
Copien nach Marmor handelt, behält diese Beobachtung ihre volle
Wichtigkeit Anders wird es bei Copien nach Bronze, wie beim
Sauroktonos, der Venus von Arles und so auch bei den vaticanischen
Musen. Bei diesen setzt sich natürlich das Lid ganz energisch von
dem Augapfel ab und dies kann trotzdem keinen Grund bilden, die
Werke dem Praxiteles abzusprechen.

Der Augapfel selbst ist sowohl beim Hermes, wie bei allen
Copien praxitelischer Werke sehr flach gewölbt. Seine grösste Aus-
buchtung liegt zwischen der Mitte und dem äusseren Augenwinkel,
und hier biegt seine Oberfläche sehr stark und schnell nach dem
äusseren Winkel um, so dass dieser Punkt stark hervorgehoben wird.
Unwillkürlich verlegt der Beschauer hierher, d. h. an die bedeutendste
Lichtstelle, die Pupille; der Blick scheint demnach parallel in die Weite
gerichtet, wie wir es im Leben bei träumerisch in sich Versunkenen
beobachten. Der Augapfel bei Skopas ist dagegen gleichmässiger
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