Amelung, Walther  
Die Basis des Praxiteles aus Mantinea: archeologische Studien — München, 1895

Seite: 82
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dos Künstlers zu machen. Leider fehlen uns sämtliche Kopfe ]). Nach
den Figuren und ihrer Gewandung- zu urteilen, kam es dem
Künstler weniger auf tiefinnerliche Charakterisierung und Individuali-
sierung an, vielmehr auf eine reiche Abwechselung in eleganten und
graziösen Stellungen der Körper, in der Gewandung auf eine virtuose
Darstellung der compliciertesten Arrangements und die feinsten,
raffiniertesten Effekte in der Contrastierung der seidenweichen durch-
scheinenden Himatia und der schwereren, in reicher Fülle sich aus-
breitenden Chitone2).

Wir gewinnen in der Gruppe für die Kunstgeschichte des zweiten
vorchristlichen Jahrhunderts, speciell für die der Insel Rhodos, einen
festen und bezeichnenden Baustein, um so wertvoller, als uns bisher
für die betreffende Zeit noch jede sichere Anschauung fehlt'

') Mit Ausnahme des Kopfes der Terracotte in London, nach dem allein kein Urteil
zu fällen ist.

2) .Man vergleiche die Charakteristik, «reiche Brunn in der Beschreibung der Glyp-
tothek von dem einen Exemplar der Gruppe (no. 13S) giebt.

3) Sehr verwandt mit den Musen ist die sogen. I'udicitia (Heibig, Führer I. no. 8),
und es wird kein Zufall sein, dass Wiederholungen derselben oder ganz ähnliche Motive
sich in Masse gerade auf späten Grabsteinen linden, welche zumeist BUS der Umgebung von
Smyrna stammen und nach Inschrift und Arbeit dem J. bis I. vorchristlichen Jahrhundert

zugewiesen werden. Eine grossere Reihe in Berlin; Beschreibung no. 767—774. wo bei dem

ersten Stück auch auf die ebendort befindlichen Musen unserer Gruppe hingewiesen wird.
Es ist demnach sehr wahrscheinlich, dass das Original der 1'udiciti n Zeit und dem

gleichen Kreise angehört, wie das Werk des Phlliskos. Ein vorzügliches Exemplar der
Figur — ohne Zweifel griechische Original-Arbeit — befindet sich im Wiener Hof-Museum.
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