Eike <von Repgow>  ; Amira, Karl von [Hrsg.]
Die Dresdener Bilderhandschrift des Sachsenspiegels (Band 1) — Leipzig, 1902

Seite: 19
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Schicksale.

die Umrisse folglich in den Gegensinn zu stehen kamen, Zahlzeichen des Codex aus der Feder des Vareler Bibliothekars Brünnings. Über

und Buchstaben in Spiegelschrift erscheinen {Oeneal. 366 f). Daher Durchzeichnungen die 1810 in Goethe's Besitz gelangten siehe unten

die groben Sepialinien, womit die Umrisse nachgefahren wurden, der un- S. 20. Um 1820 war der Codex an F. Cropp nach Heidelberg verliehen.

unterbrochene Zug der Umrisse von Kopf, Hals und Oberkörper, das Aus- 1824 verfasste Chr. L. Runde eine Beschreibung der Handschrift, die er

bleiben der feineren Einzelheiten der Gesichter, die erst der Illuminator 1836 in seinen Patriotischen Phantasieen 209—217 veröffentlichte1). 1877

eintragen sollte, das Fehlen von Trennungslinien zwischen den in derselben wurde sie vom Grossherzog Friedrich Peter von Oldenburg aus den

Kolumne übereinander stehenden Bildern. Die Bausen übertrug der Zeichner Händen der gräfl. Bentinck'schen Familie zurückgekauft, im Jahre 1901

erst, nachdem der Miniator seine Arbeit gethan hatte. So kam es, dass an auf Befehl Sr. Königl. Hoheit des Grossherzogs Friedrich August zur

mehreren Stellen die Konturen über die Rotschrift hin wegliefen (Fol. 66 a oben, Förderung des vorliegenden Werkes auf zwei Monate an die Münchener

68b unten, 79b, 81b, 82b oben). Als die Bausen in den Codex O über- Universitätsbibliothek ausgeliehen. Alsbald nach ihrem Rückerwerb durch

tragen wurden, lag der Codex N dem Zeichner nicht mehr vor. Diess hatte das Oldenburgische Haus wurde der alte Einband des Codex in der oben

zur Folge, dass er einen grossen Teil der Bilder in Unordnung brachte beschriebenen Weise erneuert. Er stammte etwa aus der Mitte des 15. Jahr-

und dass er Bilder aufnahm, wozu in O der Text fehlte {Oeneal. 368, 372). hunderts. Denn in den Deckeln waren verschiedene Bruchstücke von

Von hier aus erklärt sich ferner die durchaus von H und D (W) abweichende Pergamenthandschriften verklebt, darunter eine Urkunde, datirt . . . esimo

Art der Illumination, vielleicht auch das gänzliche oder doch teilweise quadringentesimo quinto, eine Urkunde, die doch schwerlich unmittelbar

Unterbleiben der Illumination bei den meisten Bildern. Vollständig illumi- nach 1405 schon dem Buchbinder verfallen sein kann. Bevor der Codex

niert sind blos die auf Fol. 6a—7b, 10a, 14a—16a, 17b, 18a, 20b. Die jenen älteren Einband erhielt, scheint er ungebunden gelegen zu sein.

Farben sind ungefähr die gleichen wie in D. Gold wurde nur bei dem Denn die Aussenseiten der Bogenlagen, insbesondere die ersten und letzten

Wappen des Bestellers auf Fol. 6a angewandt. Gesichter und Hände Seiten des Landrechtsindex und des Textes, haben unter den Folgen längerer

blieben stets weiss. Nackte Körper wurden in Fleischfarbe laviert (Fol. 6a, b, Schutzlosigkeit gelitten. Auch manche andere Unbill, wenn auch keine

7b), die Haare gelb oder braun, einmal (Fol. 18a) blau, Eisenteile und Verluste hat die Handschrift im Lauf der Zeiten erfahren. Eine plumpe

Pelzwerk blau; Throne sind bunt bemalt. Häufig wurden deckende Farben moderne Hand machte sich an den Gesichtern zu schaffen, indem sie die

verwendet und zum Zweck der Modellierung die Lichter auf dem Malgrund fehlenden Glieder ergänzte. An ein paar Stellen hat sie sich auch mit

ausgespart. Wo die Illumination in den Anfängen stecken blieb, beschränkt Kritzeleien in Kurrentschrift verewigt. Einer der neuesten Benützer versah

sie sich öfter auf die gelben oder braunen oder schwarzen Partieen. Auf die Bilder und die ihnen entsprechenden Textstücke mit Bleistiftnummern.

der Lage IV ist das Schuhwerk und Lederzeug auch in den farblosen Das Verhältnis2) unter den erhaltenen Bilderhandschriften D, W, H, O Stammtafel der

Zeichnungen stets geschwärzt. Farbenangaben durch Buchstaben wie in veranschaulichen wir uns durch folgende Stammtafel.

D fehlen. Doch scheinen sie in N vorgekommen zu sein. Denn in Fol. 62b ^

No. 4 ist in einem Schild ein grosses G eingezeichnet, was sich wohl aus

einem Missverständnis eines g erklärt, das die Farbe des Schildes andeuten jsj
wollte. Zu den Zeichnungen von D (W) und H stehen die von O (N)

bei aller Raumverwandtschaft des Inhalts und der Komposition in einem HD O
sehr auffälligen Gegensatz. Gemeiniglich sind sie viel grösser, so dass

selten mehr als vier, zuweilen nur drei oder zwei Darstellungen in einer W

Kolumne Platz finden. Die veränderten Grössenverhältnisse forderten die , . , ,. , , , , .. , , _ .,

_ . . ., , • , ,t u -i -i r>-u j Von den verlorenen Gliedern dieser Stammtafel gehörte X der Zeit Die verlorenen

Zerlegung und weiterhin auch d,e Umarbeitung vieler Bilder und ver- 12gi_12g5 Y der Zei{ um 1300 N der n&chat?n ZeH nach 1313 oaede,

<inlnn r> sA /Mi / ai i> h n At- -7ii tri hin rröhon 11i r- iti7P n aitAti rt 10 non 'i n ri orn ' '

und jedenfalls der Zeit vor 1323 an. X war meissen'schen3), Y
wenigstens obersächsischen Ursprungs. Die Heimat von N ist

anlassten den Zeichner zum Eingehen in Einzelheiten die den andern

Handschriften fremd blieben, so schon beim Kostümlichen, insbesondere

aber bei den Architekturen, bei den Geräten. Ausserdem besitzt O gegen

,. . . „ ., ... . . , , u , , .,, , , . im Niedersachsischen zu suchen. Die Einrichtung der drei verlorenen

40 Bilder, die keine Seitenstucke in den andern Handschriften haben, sei , ,,, , ■ . x , . , , _,• r--

^ . . ,. . , , , ,. , . Handschriften, deren Urheber wir nicht kennen, insbesondere die Ein-
es dass sie zum Ersatz von solchen dienen, die sich dort finden, sei es . , , ' _ , . _. , ' , . , ...

... . , , , ^ , , , , nchtung von X, war im Ganzen und im Einzelnen die gleiche wie die von

dass schon die gemeinschaftliche Vorlage von D und H entsprechende „ ,&IJ , ' . v , . . .. , . ,&

. .. ., ,. &.„ , „orv,, n t.. . , , . . , ■ r-, nvr*. D und H, der Text von X und Y eine obersachsische Ubersetzung des

Bilder fallen liess {Oeneal. 380f.). Dafür giebt es aber wieder in D (W) . , .. , . , ,,. . . -r- . K, ■ • •• u • u 1

, • n it 1 ,,■ u Li niedersachsischen Urtextes, der Text von N eine niedersachsische Ruck-

und H Darstellungen, zu denen man in O Parallelen vergeblich sucht. Den ... , _ _ , ' v , ,, . w, ... , ,. „ _

, ,. . ... .. , , n .xx , . , r\ t -ix Übersetzung. Der Text von X hatte im Wesentlichen dieselbe Fassung

schematisch zulänglichsten Begriff von den Zeichnungen in O erhalt man . . &, ,. .... „, , , , ... t ,

. , , , , , ,• 0 u ,™ • • r> j. •■ wie jener, den die ältesten Glossenhandschnften voraussetzen, und die

aus vier Steindrucktafeln, die Spangenberg 1822 in seinen Beitragen , JM J ,. . „ ~ . , . , ..... . .

, . ,, , ,,„ „ , XI ... , , c. , . Einteilung, die er in H D zeigt. Auch enthielt er ein Inhaltsverzeichnis

tab. V—VIII aus Grupen's Nachlass veröffentlichte. Sie geben die ersten , &! . ., , ,& . , , ... , ,, , n

1 . , r- ■■ j- • • r. u zu den einzelnen Kapiteln, das sich durch Vermittelung von Y und D

sieben Bilderkolumnen wieder. Zur Ergänzung dienen einige Proben in , w. , , ' , ' , , & ^ _ ,

,, , ^ ,^ -i-rAo c 1 nn j j. 1 nach W fortgepflanzt hat. Die sog. „Vorrede von der Herren Geburt"

Holzschnitt bei Grupen De uxore theoüsca 1748 S. 192 und Teutsche Alter- . .,,,.!, t- £ , , ^ ,, . ,, . . v

,, .. „ n^,n j ,. 0, . , , • 1 r> •■ u- 1 wr~ 1 j. gm£ unillustriert dem Text voraus. Dagegen fehlte sowohl in Y wie in X

thumer 1746 S. 321), dann die Steindrucke in J. G. Busching's Wochent- ° &r . , , . „ , ° &. . . . ... ,

, . , , ,,. ,<01„N „ „ c , , -T- r , • 1 ••. u > der Landfrieden, der erst in D dem Sachsenspiegel vorangestellt wurde.

liehen Nachrichten IV (1819) S. 3, 6 und zehn Tafeln in Lubben's „. _ , ' , , ., . v . , , °.. , . ,& , ,

t , , _ . - . • . n j 11- • Die Zahl der Bildstreifen in X mag sich auf 950—960 belaufen haben. Von

Ausgabe des Textes, endlich einige autotypische Reproduktionen in ver- , ... .... _, ., .. ö ... „ ... . ^ „ w, /_

. . .,,.1. nu rs ij. 1 ■ 1 j. j j j- , der Mehrzahl dieser Streifen liegen mittelbare Kopien in D, H, W, O vor.

kleinertem Massstab bei Henne am Rhyn Kulturgeschichte des deutschen ^ . . . . , , , . L J v,

,r rr 10 ,(nnn> n 0-„ 0_r t , i-uu > i -rii • i ■ j u Daneben aber sind andere schon in Y und mehr noch in D H N um-
Volkes I2 (1892) S. 370—375. Zu den Lubben sehen Tafeln ist jedoch

zu bemerken, dass sie teilweise den Charakter der Zeichnung verrohen und

gearbeitet worden. D und insbesondere N haben auch den ursprünglichen
Bestand teils vermehrt, teils gekürzt. Kürzungen traten auch in H ein.

(auf den Tafeln zu S. 59, 78) ihre Anordnung willkürlich andern.

^. ,, . , .,, ^ , , , . , , . °_ . n ., , „ , Als H und D entstanden, war Y schon durch Feuchtigkeit und Ab-
Die Handschrift O befand sich bis 1667 im Besitz der Grafen von . ., „ ,. . „ . .6 _ ,

. . _, . xr 1 j -T- j j ^ t ^ •• xi scheuerung arg mitgenommen. Denn sowohl in H als in D begegnen

Oldenburg zu Oldenburg. Nach dem Tode des Grafen Anton Gunther . , ,„ , . ^ . , ,. . , , , IT

. .. * ^ , . o , , ^ , ,,, . zahlreiche Missverstandnisse von Zeichnungen, die sich nur durch Un-

ging sie mit dessen Bibliothek an seinen Sohn, den Grafen von Aldenburg , ... ., , . ... f/-> , £n

„,.,. _. , , . , „ ,. , , , „ , , , deutlichkeit der gemeinsamen Vorlage Y erklaren {Oeneal. 355 f.).

über, durch dessen Tochter sie an das Bentinck'sche Grafenhaus und um , b ,. 0, , , .& . , . ,. .. ... . , ,

,„' , ,r . . , , 011 1 j 1 • Die Glieder obiger Stammtafel sind nicht die samtlicrren Bilderhand-Andere Biider-

1700 nach Varel gelangte. Vor dem Vareler Schlossbrand 1751 wurde sie c ta . . . .... ... handschriften

. , j . • • •, ^ ,. , schritten des Sachsenspiegels, von denen wir Kunde haben. Kümmerliche ™nascnrmm

dadurch behütet, dass sie in iener Zeit an Chr. U. Grupen verliehen war. _ , . . , ' , . , . des sachsen-

.... . . . . . , , ' , . , , , , , Spuren anderer lassen sich mehr oder weniger genau nachweisen1). Von spiegeis.

Dieser, bei dem sie sich noch ungefähr ein Jahrzehnt hindurch befand, 1 & & '

stellte eine Abschrift des Textes her, die er seinem Sachsenspiegelwerk zu

Grund legen wollte. Er begleitete sie auf dem ersten Bogen mit Nach- 1) Die Handschrift konnte also nicht seit Grupen „fast als verschollen gelten",

Zeichnungen der Bilder, gab aber dann dieses Unternehmen auf und zeichnete wie Lübben a. a. O. S. Iii, noch etwa gar „verschollen sein", wie R. Schröder im

die Sämtlichen Illustrationen auf 164 Blättern durch. Seine Abschrift und Literatur-Blatt für germanische und romanische Philologie 1880 Sp. 32 meint,
seine Bausen bilden jetzt Bestandteile des sog. Grupen'schen „Apparates" 2) Zum Folgenden Oeneal. 357-361, 373-385.

in der Bibliothek des Oberlandesgerichts zu Celle, und zwar die Abschrift 3) Beiläufig mag hier noch darauf hingewiesen werden, dass von den ausser-

, , o xr , . D , j . -Kj o . ,„«, ..j£ , meissen'schen Geschlechtern, deren Wappen in den Sachsenspiegel-Illustrationen vor-

als Lit. B No. 14. die Bausen als La. A No. 8. Im Jahre 1794 veroffent- . , , , ' , . 1 ,,. , ., , , ., , , 10 . ,

J kommen oder doch vorzukommen scheinen, etliche seit dem letzten Viertel des 13. Jahr-

lichte Zepernick in seinen Miscellaneen IV 375- 379 eine Beschreibung hunderts in Lehensbeziehungen zu den Wettinern standen, wie die von Querfurt,

v. Beichlingen, v. Blankenburg, v. Hopfgarten, u. A. Vergl. C. v. Hausen in Vjschr. f.

]) Die Angaben von Homeyer Des Sachsenspiegels erster Theiß S. 113 treffen Herald, etc. XVII, XVIII.
nicht völlig zu. 4) Oeneal. 373—375.

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