Eike <von Repgow>  ; Amira, Karl von [Hrsg.]
Die Dresdener Bilderhandschrift des Sachsenspiegels (Band 1) — Leipzig, 1902

Seite: 24
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durch ihre gewöhnlichsten Gegenstände, jene durch das Schapel, das in und ein paar Steine dazu (Oeneal. S. 371). Das gefundene „Gut", wovon

H und D als grüner oder goldener Reif, in O als Rosenkranz erscheint1), der redliche Finder den dritten Teil zurückbehält (II 37), exemplifizieren

diese durch verschiedene Viehstücke und ein paar Metzen mit Getreide- 3 Äxte1), das gestohlene oder geraubte „Gut" in II 36 ein Pferd2). An der-

körnern2), der Zins und die „Pflege" ebenfalls durch solche Metzen und artigen Stellen wirkt das Bild allerdings wie eine Glosse, weil es interpretiert,
durch einige Geldmünzen3), das Erbe, das in gleiche Teile zu schichten ist, Eine dritte Gattung von Symbolen schafft sich der Illustrator, indem Für den z«xck

durch einen Doppelbecher4). Menschenmengen nach dem Prinzip pars pro er für den Zweck das Mittel setzt. Die Bedeutung des hingezeichneten das Mlttel

toto zu symbolisieren, war die mittelalterliche Malerei gewohnt, und der Gegenstandes wird durch seine Umgebung verständlich. Eine Schere und

Rat eines Zeichners vom Anfang des 9. Jahrhunderts „cetere vulgo multitudo ein Besen erinnern so an die Strafe, die an Haut und Haar, ein Schwert

magna, hos lege tu, lector," hatte seine Giltigkeit noch nicht verloren. und eine Schlinge an die Strafen, die an den Hals gehen3), eine Geige an die

Darum sieht man im Sachsenspiegel bei Strafexekutionen nur die allernächst dazu gehörige Prangerstrafe4), — zwei grüne Gerten an die Schläge, die

Beteiligten, von der Gerichtsversammlung nur die Hauptpersonen. Ge- der Fronbote damit empfängt''), — Fahnen an die Lehen der (weltlichen)

wohnlich vertritt sogar der Richter allein das ganze Gericht. In O wird Fürsten, weil diese ihre Reichslehen mit Fahnen nehmen, (z. B. D Fol. 48a

eher sein Stuhl umständlich geziert, als dass ihm Dingleute beigegeben No. 2, 87a No. 4). Das Lehen überhaupt kann ausgedrückt werden durch

werden. Aber auch den einzelnen Menschen kann ein Stück von ihm be- einen Zweig, den zwei Hände halten, oder durch den Zweig allein, weil

bedeuten. Die Rechtsprache selbst giebt den Anlass dazu, wo sie meta- der Zweig das gewöhnliche Investitursymbol (D Fol. 84b No. 5, 78a No. 2).

phorisch die Hand nennt und ihren Inhaber meint, Lehenrecht 71 § 6. Den Zweikampf kann ein Schwert und ein Schild bezeichnen, D Fol. 15a

D Fol. 86a No. 2 zeigt hier einfach die 7 Hände des Textes übereinander. No. 2, 3, 19a No. 6, 20a No. 4. Diese Methode des Symbolisierens ver-

Kommt es aber auf die Zahl der Teile eines Ganzen an wie beim Gelde, folgten schon die Bauernkalender, indem sie die Tage der Märtyrer durch

so wird sie nicht leicht umgangen. Den Schilling „interpretieren" seine die Richtwerkzeuge bezeichneten, und auch in X wie noch in H hatte der

dreimal vier Pfennige, das Pfund seine zwanzig mal zwölf Pfennige oder Abgabenkalender daran festgehalten, indem er den Urbanstag durch ein

zwanzig Schillinge. Beil auf einem Block anzeigte. (Oeneal. S. 331.) Eine besondere Bedeutung

wort- Bei dieser Symbolik des Gegenständlichen kommt dem Zeichner die erhn& aber in der Sachsenspiegel-Illustration unter den Strafwerkzeugen

Illustration. Oewöhnuno; der altdeutschen Malerei an eben jene Wortillustration zu das Schwert. Es ist, wenn es im Halse eines lebenden Menschen steckt,

statten der auch er zu dienen hatte Sinnbild des Zustandes der Acht, weil dem Geächteten das Leben ge

Indem er sich ihr aufs Unbefangenste überlässt, sieht er gänzlich
ab von den räumlichen Beziehungen unter den Dingen und bringt

nommen werden darf, z. B. D Fol. 38b No. 5, 39a No. 1- 3, 55a No. 1,
60 b No. 4°).

. , , .. , . ™ . . D-uxr- u j • u i- u- ^ •■ Eine Menge von Symbolen fand der Illustrator in den Attributen Herkömmliche

sie an ledern beliebigen Platz der Bildflache und in beliebiger Grosse unter, , . , . , , , . , , .. , „ . . , , . ,• , Attribute

vor, deren sich das Leben und insonderheit der Rechtsbrauch bediente.

Indem er sie ausnützte unterschied er sich von älteren, gleichzeitigen und

wann und wie er sie dort am deutlichsten hinsetzen kann, so dass sie vom

Standpunkt realistischer Betrachtung aus in der Luft zu fliegen scheinen.

*y ., ,. _,_ , , ... . j . , spateren Kunstlern nur in der Konsequenz. Den Kaiser, den Konig

Zuweilen enthalt die ganze Flache nur einzelne übereinander gezeichnete . . . . ,.' „ , .. ,. , , ,

. r. c i -.1 xi c a /j- r- j «\ hl xi a r i charakterisieren die Krone und womöglich der Thron, ausserdem, wofern
Abbildungen, wie z. B. D Fol. IIa No. 5, 6 (die „Gerade"), Hb No. 4 links ,. , , , . , , . „ ^ , _ . . ' . , _ . _.

/u . n •• \ ocr xi ä /j- u x• j i o u x c • j. i er die Hände dazu frei hat, auch Szepter und Reichsapfel, den Pabst Tiara

(Heerschild und Brunne), 35a No. 4 (die befriedeten Sachen). Es ist schon .n, . r.- i r . J . ■ r-' , ■ . r

_ ... , . , r, ,. , , . . , , und Pedum, den Bischof Mitra und Krummstab, den Erzbischof ausserdem

ein Zugeständnis an den Realismus, dass der Zeichner Menschen oder . , ' ... , ... , ~. 1 „ ■ j i r-.. ,

_. j. , . , . , , , . ,, . . ,, . ... , .... noch das Pallium, den Abt der Stab allein, den weltlichen Fürsten') und

Tiere, die hinter einander stehen, nicht leicht mehr übereinander stellt.
Doch vergl. D Fol. 34b No. 3, wo der Tote, der sich zu den Füssen des
Klägers befinden sollte, tief unter diesen liegt5), W Fol. 34 b (Ergänzungs-
tafel 1 No. 2), O Fol. 51 b, wo die an einem Gewährenzug Beteiligten über
einander stehen, und D Fol. 63a No. 2 = H Fol. 5a No. 2 (Taf. V2), wo das

Kind in der Wiege oben, die Mutter unten hingezeichnet ist. In D Fol. 34 b

„ l, c i ir.l xi o /-T- i vi in . , , , ~ , T- • ,, und den Gogreven ein Spitzhut mit breiter Krempe, die in H vorn aufgeschlagen

No. 3 = H Fol. 10b No. 3 (Taf. XI 3) umgiebt das Gehege die Tiere nicht . . , _ . °,, , ,.' . , „ . . ' ' . . . f.

..... , ..... _^ _ , , , _ ist, den Schöffen der Mantel, den Bauermeister die Bauerntracht und der Stroh-

perspektivisch, sondern topographisch, wie in D Fol. 12b No. 5 der Zaun , , _, ^ _,, . • . ..

' ' .. • , ,, ■ ,, , , ... . r, hut, den Lehenherrn, aber auch den Grundherrn und leden sonstigen Herrn

den Wagen, womit man innerhalb seiner soll umkehren können. In D , ' , , , .' /WA . 9. , D. . w ,

weiterhin auch den als Fürsten exemplifizierten Oberlehenherrns) die Bund-
mütze mit Herrenschapel und die Lehenfahne, die weltlichen Kurfürsten die
Geräte ihrer Erzämter, den Richter (Grafen) der aufgekrempte Hut mit Bügel
und der lange Rock, der Stuhl, worauf er sitzt, und, wenn er über Ungericht
richtet, das Schwert über seinen Knien oder in seiner Hand, den Schultheissen

das Schapel, das in D (W) stets von Gold ist0), den Ritter in W der
Gürtel, sonst an entscheidenden Stellen der Heerschild oder die Rüstung,
den Dienstmann das Abzeichen seines Erbamtes, den unritterlichen Mann
die spornlosen Stiefel, die er in der Hand trägt, oder neben sich hat (D
Fol. 12a No. 1, 13b No. 4)10), den Bauern der weite grobe Kittel (in D W),
den Weltgeistlichen das Käppchen auf der Tonsur, den Mönch das Ordens-
gewand, den Juden der Spitzhut, den Wenden in H die Beinriemen, die

Wendin das verschnürte Kopftuch (in D Fol. 51a No. 1, 2), die verheiratete
ansieht ganz und gar durch die geometrische Aufsicht ersetzt, nicht nur in , „ , , , .' ,.\ , , „. . V. . * ,

Hß. b, u « • r» r4 u n \ i -av\ i ' rau "as Gebende oder der Schleier nebst Kinntuch, die Jungfrau das

Fol. 49b No. 1, 2 = H Fol. 23b No. 1, 2 (Taf. XXV 14, XXV 1) steht der
Reiter, der die Höhe der Mauer messen soll, unter, statt neben ihr, in O
Fol. 59b No. 2 der leere Wagen, der dem beladenen ausweicht, unter, statt
neben jenem, in D Fol. 33b No. 6 = H Fol. 9b No. 6 (Taf. X 1) davor, aber
unterhalb. Mit der ausschliesslichen Wortillustration hängt es denn auch zu-
sammen, nicht etwa mit einem Mangel an reproduktivem Gedächtnis, dass
der Zeichner erforderlichen Falles der Deutlichkeit zu Liebe die Seiten-

H(!), sondern auch oft in D, wo es doch an Belegen von leidlichem perspek-
tivischen Können nicht fehlt; so z. B. Fol. 5b No. 4, 5, 6a No. 4, 5, 7b

gelöste Haar, den Thoren die Schellen am Rock und die Barfüssigkeit

(D Fol. 37a), den Blinden der Stab, den Lahmen Handschemel oder Stelz-
No. 4, 12b No. 3, 15b No. 1, 24b No. 1, 33a No. 6, 8, 34a No. 1'), 2, ) , . , . .... ' . „. . „ c . XI _ _ ...

' ' ' fuss und Krücke, den Aussatzigen die Glocke, D Fol. 5b No. 2, 3, 14b

44a No. 1, 2 u. s. w
Exempii- Der Repräsentation verwandt ist die Exemplifikation. Zu ihr greift

No. 5, 15a No. 2, 46a No. 311).

fikationen.

Wie die Attribute von Menschen behandelt der Zeichner auch ihre Leibliche Eisen-
der Illustrator vorzugsweise, wo es auf die Versinnhchung von Abstrak- , .... , c. , , c , . c, , , , ., . , , Ahlften

,„e' „ ' , , ,. , „ . Ti . leiblichen Eigenschaften als Symbole. Steht er damit, wie bekannt, in scharten,

tionen ankommt. III 6 5 3 behandelt den Fall, dass einem Knecht „ohne , ... . .. . . , , . , „ . ,.

„ . . ,„ . ~, ? ... • j wr -\ lt ^ _.• n . ._. "er mittelalterlichen Kunst nichts weniger als allein, so verdient es umso-

seine Schuld" sein Pferd gestohlen wird. Weit entfernt nun, die Schuld- ., , , .-j-j v 1- u ■ -u

..... „ . . fe .... .' , mehr bemerkt zu werden, dass der Unterschied in der Korperlange bei ihm

losigkeit zu allegonsieren, exemplifiziert sie der Zeichner, indem er den ... , ... ,. . , , , ... , , ,

, , . . . ,.. , , . „ ,, r . „ . , , . _. . nicht mehr einen Unterschied der Lebensstellung, sondern nur noch den
Knecht schlafen lasst; da aber das Schlafen eines Knechtes bei Tag sein

Verschulden nicht ausschliessen würde, zeichnet O auch noch den Mond

_ i) W Fol. 35 a No. 1, 2 (unsere Ergänzungstafel 2) = O Fol. 52 a No. 1, 2.

*) W Fol. 34 ab (unsere Ergänzungstafel 1 No. 1, 2) = O Fol 51 ab.

0 Geneal. 336. O Fol. 15 b No. 3, 17 a No. 1. Vergl. auch D Fol. 11 a No. 5. 3) O Fol. 52 a No. 4, W Fol. 35 a No. 4 (unsere Ergänzungstafel 2).

2) Geneal. 354. Weber a. a. O. Sp. XXVI. 4) D Fol. 26 a No. 1 - O Fol. 45 a No. 1 (bei Grupen Teutsche Alterthümer S. 32

3) Geneal. a. a. O. D Fol. 60a No. 3, 62b No. 2, H Fol. 4b No. 2 (Taf. IV 6). oben). Dazu Weber Teutsche Denkmäler Sp. XXXIII.

4) D Fol. 5 b No. 6, 6 a No. 2, 12 a No. 4. Vergl. auch D Fol. 6 a No. 3, 7 b No 5, 5) D Fol. 26 a No. 4 = O Fol. 45 a No. 3.

16a No. 3, O Fol. 9b No. 3, 10a No. 2 (bei Spangenberg tab. VIII), 19b No. 1. °) Dazu Weber Teutsche Denkmäler Sp. XXXIV, J. Grimm R A.i I 280, 282.

Dazu Jarick bei Büsching, Wöch. Nachrichten IV, S. 4, 6. II 306f. Mone Teutsche Denkmäler Sp. XVIII.

5) H Fol. 10b No. 5 (Taf. XI 6). Anders O Fol. 61 a No. 2. ') Die Bundmiitze ist auch in der Heidelberger Liederhandschrift die „vornehmste

6) H Fol. 9a Nr. 9, 10a No. 1, 2. 13 b No. 1, 19 b No. 5, 20a No. 1, 2, 2a No. 1 Kopfbedeckung" v. Oechelhaeuser Die Miniaturen zu Heidelberg II 397.

(Taf. IX 4 unten, X 2, 3, XV 2, XXI 1—3, II 1). s) Siehe insbesondere D Fol. 72 b No. 2—4, wo die Bundmütze nachträglich

7) Spielbretter in voller Aufsicht wie dort kommen auch sonst in der ma. Malerei hineinkorrigiert ist.

sehr oft vor, so z. B. im Clm. 4660 (c. 1225) Fol. 91 a b, 92 a im Erlanger Ms. 1460 b 9) Wegen O. vergl. Geneal. S. 370.

Fol. 2a, in der Heidelberger Liederhandschrift Fol. 13 a, 262b (vergl. v. Oechelhaeuser 10) Hiezu vergl. Kopp Bilder und Schriften II 16. Übereinstimmend O Fol. 23b No. 3.

Die Miniaturen zu Heidelberg II 107). ") Dazu vergl. O Fol. 8 a No. 4. 9 b No. 1, (bei Spangenberg tab. VII 8).

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