Eike <von Repgow>  ; Amira, Karl von [Hrsg.]
Die Dresdener Bilderhandschrift des Sachsenspiegels (Band 1) — Leipzig, 1902

Seite: 25
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der Altersreife und in von hier aus abgeleitetem Sinne den Unterschied
zwischen dem Erben und dem Erblasser anzeigt1). Sonst aber erscheint im
Sachsenspiegel der bejahrte Mann als bärtig, D Fol. 14a No. 1, 16a No. 2,
3, 35 a No. 1, 53 a No. 1, 2, 75 b No. 5, daher insbesondere der Vater im
Gegensatz zum Sohn, z. B. D Fol. 7a No. 6, b No. 1, 2, 8 a No. 3, b No.
2, 3 u. s. o., der ältere Bruder im Gegensatz zum jüngeren Fol. 7b No. 3, 10b
No. 3, 40a No. 5, 69b No. 1, der Erblasser im Gegensatz zum Erben, Fol.
74 b No. 1, 76a No. 12). Den Juden kennzeichnet ein mehrfach geteilter
Bart (und bei sorgfältiger Zeichnung) auch die gekrümmte Nase, D Fol.
21b No. 3, 35a No. 3, 36b No. 5, 37b No. 3, 43a No. 2, 46b No. 6,
50a No. 2, den Wenden gröbere Kopfbildung und kurzgeschnittenes Haar,
Fol. 50a No. 4, 5, b No. 1, 2, 51a No. 1, 2, den Bauern, den Tagelöhner,
den Hirten und überhaupt den gemeinen (heerschildlosen) Mann3) ge-
krümmte oder gestülpte Nase und vorgebaute Stirn, z. B. Fol. 8a No. 1,
10a No. 5, 12a No. 1, 16b No. 3—5, 17a No. 1, 31a No. 1, 2, 4, 5,
37a No. 5, 77a No. 2, 85b No. 1, 2, ebenso aber auch unter Umständen
den Schergen Fol. 25 a No. 3, 36 b No. 6, den Missethäter Fol. 25 a No. 4,
33 a No. 3, 37 b No. 2, 13 a No. 5, den Boshaften 91a No. 1, den Toren
Fol. 37a No. 1, den Aussätzigen Fol. 46a No. 3. Ein Höcker ist Merkmal
des Unebenbürtigen D Fol. 19a No. 6, 91a No. 5, b No. 1—3, gesträubtes
Haar Merkmal des Narren, D Fol. 37a No. 14).
Leibesgiieder Wurden Eigenschaften des menschlichen Leibes zu Attributen, so
als Attribute. konnten ^ei ^em diskursiven Charakter5) der Bildkomposition auch die
Leibesglieder attributive Bedeutung erlangen. Von hier aus erklären
sich die doppelköpfigen und mehrarmigen Gestalten, mit denen sich schon
die ältere Literatur beschäftigt hat. In bestimmten Szenen bedeutet in H
Doppelköpfigkeit vollbürtige Verwandtschaft6). Ein Kopf, der hinter einer
Person zu Boden stürzt, zeigt an, dass sie sich bis zu ihrem Tode in einem
bestimmten Rechtsverhältnis befindet (Oeneal. 357). Nimmt eine Person
mehrere Handlungen nach einander vor, wozu ihre zwei Hände nicht aus-
reichen, so erhält sie nach Bedarf drei und mehr Arme und Hände, z. B.
D Fol. 83b No. 5, wo der Mann um seinem Herrn dreimal am nämlichen
Tage ein Strafgeld zu versprechen, oder Fol. 81a No. 4, wo er, um zuerst
den Eidstäber zu verlangen und dann den Reliquienkasten zu halten und
den Eid zu schwören, dreiarmig erscheint, oder Fol. 68a No. 4, wo der
Herr mit zwei Händen die Mannschaft von zwei Brüdern entgegen nimmt,
mit einer dritten Hand den dritten Bruder zurückdrängt und mit einer vierten
auf die Mutungsfrist weist, die jener versäumt hat7), H Fol. 6b No. 3
(Taf. VI 7), wo der um die Lehenserneuerung nachsuchende Mann dem
Herrn mit zwei Händen die Mannschaft leistet, mit einer dritten auf seinen
Mund deutet, zum Zeichen, dass er das Lehen „benennen" kann, mit einer
vierten eben dieses Lehen sofort „benennt" und mit einer fünften ein Lehen,
das er nicht „weiss", erst nach zwei Wochen „benennt", und dergl. mehrb).
Mitunter giebt D einer Figur, bei der Mehrarmigkeit genügen würde, noch
einen zweiten Kopf, wie Fol. 68b No. 1, wo rechts der Vassall mit einer
Hand dem Lehenherrn gelobt, dass seine minderjährigen Brüder auf das
Lehen verzichten, mit der andern Hand die Brüder zum Verzicht bestimmt,
und mit einer dritten und vierten Hand Mannschaft leistet. Lieber jedoch
stattet in derartigen Fällen D eine Figur mit zwei Oberkörpern aus, wie
ebenfalls a. a. O. zu ersehen, wo der Herr von rechts her die Mannschaft
empfängt und dann nach links dem Vassalien das Lehen wieder abspricht
(„verteilt"); ähnlich Fol. 59a No. 4, 69a No. 2. Noch öfter verdoppelt D
die ganze Figur, indem eine zweite hinter der ersten zum Vorschein kommt
wie z. B. Fol. 59b No. 2, 60a No. 3, 5, b No. 1, 61a No. 4 u. s. w. Als
notwendig erscheint dies, wenn dieselbe Person in zwei verschiedenen
Eigenschaften dargestellt werden soll, wie bei den Afterbelehnungen Fol.
61 b No. 2 als Mann und als Herr. Kann so eine Person ihr eigenes
Attribut werden, dann kann sie auch Attribut einer Sache werden. Die
„Pfalzen" erscheinen auf unsern Bildern als die denkbar einfachsten Häuser
von der Welt. Aber man erkennt sie daran, dass stets der König aus dem
Fenster schaut, D Fol. 48a No. 1 = H Fol. 22 a No. 1 (Taf. XXIV 3)9).

x) In D Fol. 24 b No. 3 dienen die Grössenunterschiede der Personen blos der
Deutlichkeit, ebenso Fol. 61 a No. 2.

a) Vergl. Weber Tonische Denkmäler Sp. XXIV.

3) Dazu vergl. Weber Teutsche Denkmäler Sp. XXIII.

4) So auch in dem Psalterium Clm. 3900 Fol. 65a.

5) Vergl. K. Lamprecht im Repertor. für Kunstwissenschaft VII 406, 407.

ß) Nicht hieher gehört der menschliche Körper mit 2 Köpfen als Schema zur Ver-
wandtschaftsberechnung D Fol. 5 a, O Fol. 8 a (bei Spangenberg Beyträge Tab. VII).

7) Ein Beispiel einer vierarmigen Figur aus O bei Lübben S. 26.

8) Fünfhändige Figuren D Fol. 74 b No. 5, 6.

°) Vergl. die Darstellung der aedificia publica in Miniature . . di Rabano Mauro,
ed. A. M. Amelli, Montecass. 1896 tav. LXXXI.

Wie aber der Künstler leibliche Eigenschaften zu Attributen stempelt, SO Erfundene
erfindet er auch Attribute ganz selbständig, wofern nicht von Andern er- Attribute-
fundene schon vorrätig waren1). Zuweilen entlehnt er sie den gewöhnlichen
Beschäftigungen oder Kleidungen der Menschen, so wenn er dem Küster den
Kirchenschlüssel in die Hand giebt, D Fol. 35 b No. 7, dem Münzer den Hammer,
D Fol. 28b No. 3, 4, dem Pilger den Stab, D Fol. 23 a No. 2, oder wenn er
dem Spielmann stets einen karierten oder quergestreiften Rock anzieht und die
Fidel auf den Rücken bindet oder sonstwie beilegt, Fol. 6a No. 1, 13a No. 5,
15a No. 4, 5, 15b No. 2, 44a No. 2, oder wenn er den Lohnfechter stets
mit Schwert und Schild ausrüstet, Fol. 13a No. 5, 15a No. 4, oder wenn
er dem Pilger den Hut aufsetzt und einen Rucksack umhängt (a. a. O.),
den gemeinen Boten, den Hirten, den Fährmann in eine Gugel2) kleidet,
Fol. 31a, 32a, b, 73a, b, 76a, b, 87b, 88a. Fraglich ist schon, ob die
Peitsche, die man regelmässig in der Hand des Fronboten sieht, nicht
lediglich ein Phantasieerzeugnis des Illustrators von X ist3). Handgreiflich
ist dies in anderen Fällen. Zum Zeichen, dass ein Mensch gebannt ist,
begleitet ihn der Teufel, D Fol. 60b No. 4; über dem Tagdieb leuchtet die
Sonne, über dem Nachtdieb der Mond, D Fol. 29a No. 5; der Mann, den
Gefangenschaft entschuldigt, oder sein Bote trägt eine Kette in der Hand,
D Fol. 65b No. 2, 78b No. 5, dem rechtlosen Menschen sind Besen und
Schere auf den Rücken gebunden, D Fol. 20a No. 5, 44 a No. 5, 77 b
No. 34); dass Einer nicht von Ritters Art, legt er dadurch an den Tag, dass
er ein paar spornlose Stiefel in der Hand trägt, D Fol. 12a, und ebensolche
folgen dem Ritter, dem Ehre und Lehenfähigkeit abgeurteilt wurden, Fol.
13b6); über den unfreien Tagwerker zeichnet O Fol. 76b No. 5 (bei Lübben
S. 78) den Handschuh und die Mistgabel (seine Busse) hin; auch wer als
Schuldknecht weggeführt wird, erhält sofort eine Mistgabel, D Fol. 41 b
No. 6Ö); der Vormund führt Schwert und Schild, D Fol. 14a No. 1, 2,
b No. 57), noch öfter der Kampfkläger und der Urteilsscheiter, z. B. D
Fol. 9a No. 1, 13a No. 1, 3, 15b No. 4, 17a No. 2, 18a No. 3, 20a No. 4,
21a No. 4, b No. 4, 22a No. 4, 23b No. 3 u. s. w.s) Bei allen diesen
Attributen liegen indess immer noch gewisse ziemlich durchsichtige Be-
ziehungen zu kirchlichen oder rechtlichen Verhältnissen vor. Eine ge-
schichtliche Erinnerung rechtfertigt es, wenn den Franken stets ein Mantel,
und zwar ursprünglich mit Fehkragen kleidet9). Die Franken galten als
der vornehmste Stamm. Der Schwabe muss sich in D mit einem ein-
facheren Mantel begnügen, Fol. 9a No. 2, 3, 12a No. 3, 24b No. 5. Der
Spott von Nachbarvolk gegen Nachbarvolk giebt (in H) dem Thüringer als
„Heringesser" einen Fisch in die Hand (Oeneal. S. 539), und auch der Holz-
löffel in der Hand des Schwaben, D Fol. 45 b No. 2, könnte wohl eine der-
artige Erklärung finden10). Andere Attribute sind von einem zufällig im Text
gebrauchten Wort oder von einem wortspielerischen Etymologismus des
Illustrators eingegeben. Wenn der Lehensmann seiner Schaftruhe geniesst,
so stützt nicht nur er selbst schlafend seinen Kopf in die Hand, sondern
über ihm „ruht" auch sein „Schaft", D Fol. 58a No. 1 (=H Fol. 2a No. 1,
Taf. II, 1). Da der Landsasse nach III 45 § 6 in Gastes Weise kommt
und „fährt", so Sitzt er in einem Wagen, D Fol. 53a No. 3, oder hat
wenigstens dessen Räder bei sich, Fol. 44a No. 2. Der Sachse hält ein
Messer, den „Sachs", in der Hand, D Fol. 50a No. 511), die „schöffenbar"
freie Frau ein Schiff, D Fol. 50b No. 4, der Biergelde einen Schöpfkübel
(Biergelte)12), oder der Schöpfkübel ist neben ihn hingezeichnet, D Fol. 44a

*) Bestimmt lässt sich dies jedoch nur von der Hirtenkeule behaupten, wie wir
sie in D Fol. 31a, 32 a, 33 a, 35 b antreffen. Sie gehört schon zum Inventar der kirch-
lichen Ikonographie. Beispiele: Cod. 55 im Museum zu Braunschweig Fol. 19b, - Cod. 568
(Psalterium aus Wöltingerode, 3. Jahrhundert) zu Wolfenbüttel Fol. 7a, — Cod. 569
(Missale ebendaher c. 1300) zu Wolfenbüttel Fol. 23 a, — M. germ. 8l 109 königl. Bibliothek
zu Berlin (12. Jahrhundert) Fol. 72.

-) Die Gugel des Fährmanns übrigens auch schon in der Eneidt, Kugler Kl- Sehr.
I 42; die Gugel des Hirten (unter dem Hut) im Tympanon des Freiburger Münsterportals;
die Botengugel in der Welislaus-Bibel, siehe Taf. 19 bei Wocel in den Abhandlungen der
böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften 1871.

3) Siehe einstweilen Weber Teutsche Denkmäler Sp. XXVII, Chr. Eckert Der
Fronbote 59 f.

4) Entsprechend H Fol. 27a No. 5, b No. 1 (Taf. XXX 1, 2), O Fol. 35b No. 1.

5) = O Fol. 20a, 23b. Dazu Kopp a. a. O. II 16, 17, J. Grimm RA. II 304,
A. Schultz Höfisches Leben II 83.

6) Ebenso H Fol. 17 b No. 6 (Taf. XX 1), O Fol. 73 a No. 3.

7) Eine entsprechende grosse Darstellung des „Vormundes" in O Fol. 24 a No. 2.

8) Entsprechend O Fol. 26 a No. 1—3, b No. 1, 27 a No. 3, 72 a No. 4.

9) Oeneal. 359. Siehe ferner O Fol. 79 a No 1.

10) Ein Versuch bei Sachsze in der Zeitschrift für deutsches Recht XIV 37 f.
") Dazu vergl. Geneal. 336, 359.

12) Dazu s. Kopp a. a. O. I 125 f. Weber Teutsche Denkmäler Sp. XXIII, J.Grimm
RA. I 281. Entsprechend O Fol. 85 a No. 1.

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