Amira, Karl von
Die Grosse Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm — München, 1904

Seite: 221
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Die grosse Bilderhandschrift von Wolframs Wittehahn.

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vor, deren Glnnzlichter man freigebig aus dem Blau der Schatten
auss}>arte. Uber der deckenden Farbe der Kleider zog man die
Umrisse in kräftigen tiefschwarzen Linien nach. Die Topfhelme
erscheinen allemal gelb, ebenso die Parierstangen und Knäufe
der Schwerter, das Zaumzeug, die Sattelgurten, die Sattelbogen
und alles sonstige Holzwerk. Die Pferde sind bald rot, bald
blau, bald grau geapfelt, Gebäude und Zelte rot oder grün,
Gold zeichnet nur (in H) den Nimbus um das Haupt Christi
und den Stern auf Schild und Brust Willehalms aus.

Alle unsere bisherigen Beobachtungen führen uns zu dem
Schluss, dass H und M einem und demselben Codex des
Wolframsch en Gedichtes angehört haben. Nicht dagegen
sprechen gewisse Unterschiede, die zwischen H und M hin-
sichtlich der Zeichnungen obwalten. Allerdings nämlich haben
in M die Pferde meist kürzere Beine als in H, mitunter sogar
bis ins Abbreviaturmässige verkürzte, laufen ferner die Striche,
welche das Panzergeflecht charakterisieren, in H nach der Längs-,
in M nach der Querrichtung, haben endlich die Schilde dort noch
durchgängig die sogenannte normannische Form ohne Wappen,
hier dagegen stets die Dreiecksform mit heraldischer Bemalung
und sind auch die Topfhelme dort anscheinend etwas anders
konstruiert als hier. Diese Unterschiede würden jedoch bei
der sonstigen Ubereinstimmung in den Zeichnungsmanieren
von M und H nicht einmal dazu ausreichen, um die Annahme
zu sichern, dass am nämlichen Codex zwei verschiedene
Zeichner beteiligt gewesen seien, wenn auch fi-eilich diese
Möglichkeit nicht bestritten werden kann. Denn ebensogut
liesse sich denken, dass ein und derselbe Zeichner beim Fort-
schreiten seiner Arbeit von H bis zu M in nebensächlichen
Dingen gewisse Abänderungen seiner Gewohnheiten sich ge-
stattet habe.

Die Blätter H und M sind nicht die einzigen Überbleibsel
jener illustrierten Willehalm-Handschrift, von denen wir Kunde
haben. Zuerst im Jahre 1839 gab Karl Roth in der Vorrede
zu seiner Ausgabe ,Deutscher Predigten' S. XXI Nachricht
von zwei Pergamentblättern mit andern Stücken aus dem Text
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