Amira, Karl von
Die Grosse Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm — München, 1904

Seite: 227
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Die r/rossc Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm. 227

1350 Kunde haben, — reichhaltiger insbesondere als selbst
die grossen ßiklerhandschriffcen des Sachsenspiegels, deren Dar-
stellungen an Zahl um mehrere Hunderte hinter denen der
Willehalm-Handschrift zurückblieben. Wir dürfen daher den
zerstörten Kodex ohne weiteres als die ,grosse' Büderhand-
schrift des Willehalm bezeichnen.

Zu einem Vergleich mit den eben genannten Sachsen-
spiegel-Handschriften fordert aber unsere Willehalm-
Handschrift auch noch in mehreren andern Beziehungen auf.
Nur mit ihnen hat sie die ununterbrochene inhaltliche wie
räumliche Parallele zwischen Text und Illustration gemein,
insbesondere die Aufreihung der Bilder in Kolumnen Seite für
Seite,1) wobei durch die ausschliessliche Anordnung der Bilder
in der äusseren Kolumne der Oldenburger Sachsenspiegel-
codex die nächste Verwandtschaft zum Willehalm-Codex zeigt.
Durch diesen Parallelismus von Wort und Bild unterscheidet
sich unsere Willehalm-llandschrift von andern illustrierten
Handschriften desselben Gedichtes ebenso wie die Codices pic-
turati des Sachsenspiegels von den sonstigen mit Bildern ge-
zierten Handschriften dieses Rechtsbuches. Gemeinsam ist
ferner allen jenen Handschriften und nur ihnen die Verbindung
der Blustrationen mit dem Texte durch die Initialen. Gemein-
schaftliche Charakterzüge zeigen sich aber auch im Stil der
Illustration. Schlachtschilderungen freilich mit einem solchen
Menschengedränge wie in M (z. B. Taf. II, III), werden wir
unter den Sachsenspiegelbildern vergeblich suchen. Abkürzende
Darstellungen ferner, wie sie H 2 vom Herannahen der frän-
kischen Heerscharen entwirft, auch das lebhafte Geberdenspiel
der Hände, wie wir es in N und H antreffen, liegen durchaus
im Geiste der Malerei des hohen Mittelalters überhaupt. Anders
verhält es sich jedoch mit der vorwaltend symbolisierenden
Bichtung dieser Illustrationen. So summarisch zeichenhaft wie

l) In dieser Beziehung hatte schon Mone H mit der Heidelberger
Biiderhs. des Sachsenspiegels verglichen, Teutsche Denkmäler I 1820
Sp. XII und Anzeiger f. Kunde d. deut. Vorzeit 183C Sp. 178.
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