Amira, Karl von
Die Grosse Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm — München, 1904

Seite: 234
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/amira1904/0022
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
234

Karl v. Amira

erklären sich weit eher in der Feder eines Niederdeutschen,
der im übrigen dazu neigte, gewissen Schreibgewohnheiten
seines ostmitteldeutschen Aufenthaltsortes zu folgen. Dann
aber dürfen wir um so sicherer auf ostmitteldeutschen
Entstehungsort schliessen, eine Annahme, der das wenige,
was wir von der Herkunft der einzelnen Bruchstücke wissen,
nur zustatten kommen kann. Die münchener Blätter befanden
sich, bevor sie an ihren jetzigen Verwahrungsort gelangten,
in Meiningen. Die Rothschen Fragmente stammten ,aus Sachsen1.

Was das Alter betrifft, so behauptet Mone, H gehöre
dem ,Anfang des 13. Jahrhunderts' an, ebenso wie vermeintlich
die heidelberger Bilderhandschrift des Sachsenspiegels, und er
glaubte, sie sei für den Landgrafen Hermann von Thüringen
gefertigt, der den Dichter des Willehalm mit seiner französi-
Quelle bekannt gemacht hat. Essen wein wäre sogar geneigt,
wegen gewisser Waffenformen in N und H die Handschrift
noch ins 12. Jahrhundert hinaufzurücken und eine Bemerkung
auf den Untersatzkartons zuN gibt denn auch an: ,12.—13. Jhrh.'
Bartsch dagegen nennt, obne Gründe anzuführen, als Zeit
von H das ,XIV. Jahrhundert'. Gegen eine so späte Datierung
würde nun freilich schon der Schriftcharakter sprechen: offenes
a, z ohne den mitten durchgehenden Querstrich, der noch ziemlich
gerade Unterscheidungsstrich über dem i, langes s am Wort-
ende, alle diese Merkmale kommen miteinander schwerlich noch
in einer mitteldeutschen Schrift nach 1300 vor. Andererseits er-
weisen sich die Mone-Essenweinschen Zeitbestimmungen als ver-
früht. Sie lassen ausser acht, dass das Gedicht nicht vor dem Tode
des Landgrafen Hermann1) (April 1217), ja kaum vor 1220 2)

1) Lach mann, B. Gedichte Walthers v. d. Vogehc.6 S. 139 (zu
17, 11 f.). San Marte in Ersch u. Gruber I Bd. 38 S. 32. P. Piper
Wolfram v. E. I S. 30. Vogt in Pauls Grundriss* II S. 197.

2) In 240, 241 erzählt Wolfram, seine Vorlage umdichtend, es hätten
Heimlich le ein"tif und Giselhert sich im Dienst des Patriarchen von
Aglei an einem Krieg gegen Venedig beteiligt. Ein solcher Krieg lässt
sich zu Wolframs Zeit in den Jahren 1220 und 1221 nachweisen. Auf
der einen Seite standen der Patriarch Berthold von Aquileja und die
loading ...