Amira, Karl von
Die Grosse Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm — München, 1904

Seite: 240
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240 Karl v. Amira, Die gr. Biklcrhdschr. v. Wolframs Willehalm.

Menschenalter vor dem grossen juristischen Bilderwerk ein
ganz ähnliches, aber viel umfangreicheres Unternehmen inner-
halb der nämlichen Gesellschaftskreise zur Ausführung gelangt
ist, — ähnlich nicht nur in äusserer Anlage und Technik,
sondern auch durchaus in der künstlerischen Denkweise, das
uns obendrein auch zu einer deutlicheren Vorstellung von
der Kunstweise des verlorenen Urcodex der Sachsenspiegel-
Illustration verhilft, wenn wir die von diesem abgeleiteten
Handschriften zur Vergleichung heranziehen. Um 1250 hebt
mit der grossen Bilderhandschrift des Willehalm eine zweite
sächsisch-thüringische Illustratorenschule an, deren jüngste
Arbeiten nach anderthalb Jahrhunderten die Bilderhandschriften
des Sachsenspiegels zu Dresden und Wolfenbüttel sind.

Wann die grosse Bilderhandschrift des Willehalm zerstört
wurde, lässt sich nur mutmassen. Wahrscheinlich befand sie
sich im 16. Jahrhundert in den Händen eines Humanisten, der
in ihr nur den verabscheuungswürdigen Nachlass eines barba-
rischen Zeitalters erblickte und nichts besseres mit ihr anzu-
fangen wusste, als sie zum Einbinden seiner Bibliothek und
seiner Notizbücher zu verwenden, — ein anschauliches Beispiel
dafür, wie selbst umfangreiche und kostbare Bilderhandschriften
während der Neuzeit fast spurlos verschwinden konnten. Hier-
nach lässt sich aber auch hoffen, dass beim Ablösen von Über-
zügen alter Einbände noch andere Bruchstücke des merk-
würdigen Denkmals zutage kommen werden.
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