Amira, Karl von  
Die Handgebärden in den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels — München, 1905

Seite: 170
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/amira1905/0009
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
170

in Wirklichkeit der rechten angehört, — bei H, D und N, daß diese Hss. nicht selten
ihre Vorlagen mißverstehen oder auch frei umarbeiten und also zu einer Darstellung in
einer Hs. Parallelen in den andern fehlen können, auch in vielen Bildern die Gestikulation
für Schlußfolgerungen unverwendbar bleibt.

1.

Redegebärden.

1, Der ältere sog. ,Redegestus', die einfachste und in unsern Handschriften eine
der häufigsten Gebärden. Der Körper selbst bleibt gewöhnlich ruhig. Die flache Hand
wird ohne Drehung so mit dem Unterarm erhoben, daß dieser mit dem Oberarm ungefähr
einen rechten "Winkel bildet; der Oberarm bewegt sich mäßig vorwärts, indem er dem
Zug des Unterarms folgt; die Achse der Hand hält mit der des Unterarms im Wesent-
lichen dieselbe Linie ein; die Finger legen sich regelmäßig dicht aneinander mit Ausnahme
des Daumens, der meistens leicht, in 0 sogar gespreizt absteht (Fig. 1 a).

In dieser typischen und am wenigsten gezwungenen Form beobachten wir den
Gestus an dem Yerleiher des Erbzinsrechts D 52 b Nr. 4, dem Richter in D 39 a Nr. 5, D 40 a
Nr. 4 und in 0 65 a Nr. 2, auch dem zweiten in D 85 b Nr. 5, dem taidingenden Lehen-
herrn D 79 a Nr. 2, 84 a Nr. 3, dem dritten Schöffen 0 30 b Nr. 3 (Gegensinn zu N, vgl.
D17b Nr. 2), den Landleuten, die in D17a Nr. 1 ihren Gogreven wählen,1) an der
klagenden Jungfrau in D 13 b Nr. 5, dem Kämpfer rechts im Bilde ü 19 b Nr. 2, dem
kämpflich Gegrüßten in 0 32 b Nr. 3, der ersten Partei in D 88 b Nr. 4, dem mittleren
Gelöbnisempfänger D 54 a Nr. 5, dem Zehntnehmer D 31 b Nr. 1, dem sein Lehen
empfangenden Fürsten D 45b Nr. 1, dem Zahlungsempfänger D 6b Nr. 4 und dem in
0 39 a Nr. 2 (Gegensinn), den Erbnehmern D 53 a Nr. 5, dem Eidempfänger (Kläger) in
0 65b Nr. 1, den Bräuten in 0 8 a Nr. l,ä) der ihre Morgengabe empfangenden Frau D 9a
Nr. 4, den geschiedenen' Eheleuten und ihrem Kinde D40a Nr. 3 (im Gegensinn 0 70 b
Nr. 1), und dem geschiedenen' Mann 0 17 a Nr. 3, dem dritten der vom Erbgang aus-
geschlossenen Toehterkinder D 5b Nr. 5, dem erbunfähigen Zwerg D 5b Nr. 2, dem Eigen-
kind in D 15 b Nr. 2 (4. Figur), dem "Verhafteten in D 46 b Nr. 2, dem Gebannten 0 60 b
Nr. 4, dem Papst in 0 6b Nr. 3 (Gegensinn von N,3) dem Abraham 0 7b Nr. 2,*) dem
Schöpfer des ersten Menschen D 3 b Nr. 3.

Zu diesen Fundstellen würden noch einige andere kommen, wenn es sich dort nicht
um Mißverständnisse der Vorlage handelte, wie bei dem Richter D 15 b Nr. 4, der5) den
Befehlsgestus machen, und dem urteilenden Franken D 50a Nr. 4, der seinen rechten

*) Völlig abweichende Gestikulation allerdings in O 29 b Nr. 5.

a) Bei Spangenberg Beyträge zu den teut. Rechten d. Mittelalters tab. VII.

3) Vgl. D 4a Nr. 1. Das Bild aus O findet sich bei Spangenberg a. a. O. tab. VI.

*) Bei Spangenberg a. a. 0. tab. VII.

'•") Wie in der vollständigeren Schilderung 0 27 a Nr. 3 (Gegensinn). — Ähnlich verhält es sich
wohl auch bei dem Richter in 0 66 a Nr. 2 (Gegensinn), wo der Redegestus den Befehls- oder den Zeige-
gestus zu ersetzen scheint; vgl. H 13b Nr. 3 (Taf. XV 51, D 37b Nr. 4.
loading ...