Amira, Karl von  
Die Handgebärden in den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels — München, 1905

Seite: 179
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den Rechtlosen und 29 a Nr. 5 den Nachtdieb. Es kommt sogar vor, daß die linke Hand
den Redegestus der rechten zu überbieten trachtet, und zwar nicht nur bei solchen Figuren
wie dem Manne auf der Burg in D 35 b Nr. 3, dem kämpflich Angesprochenen 0 32 b
Nr. 3, dem Gepfändeten 0 37 a Nr. 5, der ,Amie' 0 77 a Nr. 4, dem zweiten Ansprecher
D 29 b Nr. 3, dem Sprecher der Verteilungsformel D 80 b Nr. 4, dem Abgewiesenen D 88 b
Nr. 4, den vom Erbgang Ausgeschlossenen D 15 b Nr. 1, sondern auch bei der erbenden
Frau ebendort, dem Richter W 34 b Nr. 2, dem taidingenden Herrn D 82 b Nr. 2, dem
Burgmann über der Mauer 87 b Nr. 4. In einigen dieser Darstellungen waren allerdings,
wie auf den ersten Blick zu ersehen, die Raumverhältnisse für die Übertreibung des Neben-
gestus maßgebend.

Mit der Nebenbewegung, die den Redegestus der übergeordneten Hand nachahmt,
verwandt ist eine andere, die in dem Emporheben der hohlen Hand besteht. Denn wir
werden sehen (unten Nr. 2), daß auch diese Bewegung als Hauptgebärde eine Abart des
gewöhnlichen Redegestus ist. Wir treffen sie als Nebensymptom bei dem rügenden Bauer-
meister D 4b Nr. 1, bei Zweien von den 21 Gefragten 27b Nr. 4, dem Kläger 26b Nr. 3,
dem ersten Wähler 46 b Nr. 1, dem dritten und sechsten Sendpflichtigen 4 a Nr. 3, dem
vierten der beaufsichtigenden Boten 19 b Nr. 2, dem zweiten Vormund 7 b Nr. 2 rechts.

Erweckt die bisher beschriebene Gruppe von Begleitgesten im allgemeinen den Ein-
druck weniger von Gedankenäußerungen als von automatischen Mitbewegungen, die
unsern Bildern auch sonst nicht fremd sind,1) so liegt die Sache wesentlich anders, wenn
die untergeordnete, normalerweise also die linke Hand eine Bewegung ausführt, die sich
in ihrem Verlauf vom sog. Redegestus prinzipiell unterscheidet. Was auch immer dieser
selbst wirklich besagen mag, stets erweist sich dann die begleitende Bewegung als geeignet,
der Hauptgebärde einen besonderen Sinn zu verleihen, da wir die nämliche Bewegung in
bestimmter Weise verstehen lernen, wo sie als Hauptgebärde auftritt. Dies gilt vom sog.
Trauergestus, dem Befehls-, dem Ablehnungs-, dem Schweigegestus. Den ersteren
treffen wir als Begleiter des Redegestus in H 18 b Nr. 5 (Taf. XX 12) bei dem seines
Erstgeburtsrechts verlustigen Esau an sowie in H 1 a Nr. 2 (Taf. I 4) bei dem der Lehens-
folge darbenden Sohn des heerschildlosen Vassalien,2) in D5b Nr. 4 sehr deutlich bei
einem der den Großvater beerbenden Sohnessöhne und minder deutlich im nächsten Bild
bei zweien der vom Erbgang ausgeschlossenen Tochtersöhne, sodann auch bei der Magd,
die einer Vergabung ihres Dienstherrn nicht widersprechen darf, in D 16 a Nr. 2, — den
Befehlsgestus zweifellos bei dem Zolleinnehmer, der den Zoll 77 b Nr. 1, dem Oberherrn,
der die Lehensmutung heischt 73 a Nr. I,3) dem Richter, der dem Kläger gebietet, den
Grund seiner Forderung zu nennen 42 b Nr. 1, — den Ablehnungsgestus in D 82 b Nr. 3
bei der ins Gespräch gehenden Partei, die ihrem taidingenden Herrn die zum Urteilfinden

1) Vgl. die llitbewegung des linken Arms bei dem Schwertschwinger D 89 b Nr. 1, dem Roßtöter
und dem Roßverstümmeier D 44b Nr. 4, 5, dem mit Sehwert Angegriffenen D 25b Nr. 1, 29b Nr. 5,
26b Nr. 1, 37b Nr. 3, 0 44a Nr. 3, 45b Nr. 2, dem Erstochenen L> 54a Nr. 3, dem Geprügelten D 21a
Nr. 1, O 50b Nr. 1, W 34a Nr. 1, dem Geschlagenen D 83a Nr. 3, H I3a Nr. 1 (Taf. XIV 6), dem an den
Haaren Gerauften D 35 a Nr. 2, 65 a Nr. 6, dem Verhafteten D 46 b Nr. 2, dem Mörder D 53 b Nr. 6, dem
erschlagenen Abel H 18 b Nr. 4 (Taf. XX 9), dem Entwältigten D 28 a Nr. 2, 53 b Nr. 5.

2) S. Genealogie 333.

3) Vgl. den Lehenherrn auf derselben Kolumne Nr. 4 rechts.
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