Amira, Karl von  
Die Handgebärden in den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels — München, 1905

Seite: 193
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selben Personen zugeteilt wie diese: weitaus am öftesten dem Richter, aber auch dem
König, dem Lehenherrn, dem Urteiler, der Prozeßpartei, dem Zeugen, dem Boten, dem
Wähler, verschiedenen Privaten bis hinunter zum Kinde. Es sind auch keine wesentlich
andern Anlässe, die sie motivieren, insbesondere wiederum nicht bloß Reden wie Befehle,
Fragen, Urteile, Wahlen, Übertragungen, sondern auch die verschiedenen Grade passiver
Teilnahme wie Zuhören und Zuschauen bei Partei vortragen, bei Urteilen, Eidschwüren,
Zeugenaussagen, Willenserklärungen, Botschaften, oder wie Empfang von Geld und Gut,
Entgegennahme von Huldigungen und Gelöbnissen. Endlich fehlt Nr. 2 sowenig wie Nr. 1
bei Einzelfiguren.

Belegstellen für alles dieses wird man beim Durchblättern von D und selbst von H
in Mengen finden. Sie hier anzuführen wäre überflüssig, da sieb die Gleichheit der
Bedeutung von Nr. 2 und Nr. 1 unmittelbar beweisen läßt. Der Zeichner einer und der
nämlichen Hs., ja eines und des nämlichen Bildes wechselt bei Figuren von einer und
derselben Bedeutung mit den beiden Gebärden ab. Man vergleiche z. B. die verschiedenen
Sendpflichtigen, die verschiedenen Dingleute in D 4a unter einander, ebenso die Zeugen
in 21 b Nr. 5 oder 22 a Nr. 1, 20 a Nr. 2, 39 b Nr. 4, 61a Nr. 2, die Wettenden in 48 b
Nr. 3, die freigelassenen Reiehsdienstmannen 53 a Nr. 4, die gezweiten Geschwister 27 a Nr. 1,
ferner den Schwörenden in 41 a Nr. 3 mit dem im nächsten Bilde, den die Verfestung
bezeugenden Gogreven in 21b Nr. 6 mit dem in gleicher Funktion auftretenden Grafen
22 a Nr. 1, den eine Frist bestimmenden Richter 20 b Nr. 5 mit dem in 64 a Nr. 2, den
darüber Urteilenden 70 a Nr. 3 mit dem in 73 a Nr. 2. Ohne sachliche Änderung darf
darum ein Illustrator die Gebärde 1 setzen, wo ein anderer Nr. 2 setzt. Ygl. den Eid-
empfänger in D 32b Nr. 3 mit dem entsprechenden in HSb Nr. 2 (Taf. VIII 8), den
Zahler in D 37 a Nr. 1 mit dem in H 13 a Nr. 1 (Taf. XIV 6), den Dienstmann von D 53 a
Nr. 5 mit dem von H 27a Nr. 5 (Taf. XXIX 10), den Herrn H 5a Nr. 1 (Taf. V 1) mit
dem in D 63 a Nr. 1, Vater, Mutter und Kind in D 40 a Nr. 3 mit denen in H 16 a Nr. 3
(Taf. XVIII 2), den Richter und die Partei auf dem nächsten Bild in beiden Hss., den
Richter in D 39 a Nr. 5, 42 b Nr. 1, 53 a Nr. 6 mit dem in H 15 a Nr. 5, 18 b Nr. 1,
27 a Nr. 6 (Taf. XVII 3, XX 6, XXXI). Eben solche Gleichungen würden sich nach-
weisen lassen zwischen O einerseits und D oder H anderseits. Der Richter z. B., der auf
das Marktkreuz deutet, und der Beklagte, der sich davon abwendet, erheben in D 39 b
Nr. 5 und H 15 b Nr. 5 (Taf. XVII 8) die rechte Hand nach Schema 2, in 0 70 a Nr. 1
(Gegensinn) die linke nach Schema 1; der die Enthauptung anordnende in D 37 b Nr. 3,
H 13 b Nr. 3 (Taf. XV 4) befolgt Schema 2, während er in O 66 a Nr. 1 nach Schema 1
richtet, ebenso verhält sich der auf den angemaßten Standesschild deutende Richter in
O 24a Nr. 2 (oben S. 181) zu dem in D 8b Nr. 1 u. s. w.

Demnach geht es nicht an, in Nr. 2 etwa das altsächsische digitos ineurvare wieder-
zufinden. Erwähnt wird dieses nur bei der Auflassung,1) d. h. bei einem Verzicht, kann
auch nicht denselben Ritus bedeuten,2) wie das Handeln digito, mit fingern d. h. mit Auf-
richten von einem oder zwei Fingern, wiewohl dieser Hergang nicht ohne Einkrümmen

*) Grupen Teutsche Altertümer etc. 33, J. Grimm Rechtsaltertümer*- I 177, 195, R. Schröder
Lehrbuch d. deut. Rechtsgesch^ 61.

2) Diese Gleichsetzung bei R. Schröder a. a. 0. und 295, P. Puntschart Schuldvertrag und
Treugelobnvs 352. 357, 358.
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